Schlehe
Der Schlehdorn (Prunus spinosa), in der landwirtschaftlichen Praxis meist als Schlehe oder Schwarzdorn bezeichnet, gewinnt im Rahmen des ökologischen Nischenanbaus und der Wildobstnutzung zunehmend an Bedeutung. Die Kultur, die unter dem EPPO-Code PRNSN geführt wird, zeichnet sich durch eine extreme Robustheit gegenüber klimatischen Extremen sowie eine hohe Standorttoleranz aus. Botanisch gehört sie zur Familie der Rosengewächse (Rosaceae) und bildet stark bedornte, weit verzweigte Sträucher, die sich hervorragend für Windschutzhecken und Ausgleichsflächen eignen.
Im professionellen Erwerbsanbau wird die Kultur primär zur Gewinnung von Rohstoffen für die Saft-, Likör- und Feinkostindustrie kultiviert. Die blauschwarzen, stark herben Steinfrüchte reifen im Spätherbst, entfalten ihr volles Aroma jedoch erst nach Frosteinwirkung, welche den hohen Gerbstoffgehalt teilweise abbaut. Für einen wirtschaftlichen Ertrag sind selektierte, dornenarme oder großfrüchtige Sorten unerlässlich, da Wildformen oft unregelmäßige Erträge und einen erschwerten Ernteaufwand aufweisen.
Bodenmanagement
Der Schlehdorn stellt geringe Ansprüche an den Boden, bevorzugt jedoch kalkhaltige, mittelschwere und gut durchlässige Standorte. Eine gründliche Tiefenlockerung vor der Pflanzung ist vorteilhaft, um das weitreichende Wurzelsystem zu unterstützen. Da die Kultur zur starken Ausläuferbildung neigt, ist im professionellen Anbau ein regelmäßiges Mulchen der Gassen oder der Einsatz von Scheibeneggen zur Wurzeleindämmung zwingend erforderlich. Eine moderate Stickstoffdüngung im Frühjahr fördert den Triebzuwachs, während eine Überdüngung die Krankheitsanfälligkeit erhöht und das Triebwachstum zulasten des Fruchtansatzes stimuliert. In den ersten Standjahren sichert eine mechanische oder thermische Beikrautregulierung im Unterstockbereich die Etablierung der Jungpflanzen.
Schaderreger-Management
Obwohl die Kultur als äußerst widerstandsfähig gilt, treten im Erwerbsanbau spezifische Schaderreger auf, die ertragsmindernd wirken können. Besonders pilzliche Schaderreger wie Monilia-Spitzendürre (Monilinia laxa) und die Sprühfleckenkrankheit erfordern bei feuchter Witterung während der Blüte gezielte Kontrollmaßnahmen. Als Vektoren für Viruserkrankungen wie das Scharka-Virus (PPV) müssen saugende Insekten, insbesondere Blattläuse, im Frühjahr sorgfältig überwacht werden. Ein regelmäßiger Auslichtungsschnitt nach der Ernte sorgt für eine gute Durchlüftung der Kronen und mindert das Infektionsrisiko für Pilzkrankheiten erheblich. Beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist strikt auf die aktuellen BVL-Zulassungen für Strauch- und Wildobst zu achten, da die Indikationen oft stark eingeschränkt sind.
Sorten
Nittel
Spät (Ende Oktober)Sehr ertragreich, großfrüchtig mit reduziertem Steinanteil.
Resistent gegen: Trockenheit, Frost
Anfällig für: Monilia, Scharka-Virus
Eine bewährte deutsche Selektion aus Rheinland-Pfalz, die sich durch einen vergleichsweise schwachen Dornenwuchs auszeichnet und mechanisch gut beerntbar ist.
Reto
Mittelspät (Oktober)Regelmäßige und hohe Erträge bei gutem Fruchtgewicht.
Resistent gegen: Echter Mehltau
Anfällig für: Monilia, Sprühfleckenkrankheit
Schweizer Auslese mit aufrechtem Wuchs, die speziell für den Erwerbsanbau selektiert wurde. Zeigt eine gleichmäßige Fruchtreife.
Merzig
Spät (November)Konstant hohe Erträge mit hohem Zucker- und Säuregehalt.
Resistent gegen: Frost
Anfällig für: Scharka-Virus, Blattläuse
Saarländische Selektion, die besonders für die Brennerei- und Likörindustrie geschätzt wird. Die Früchte haften sehr windfest am Strauch.
Godenhaus
Mitte bis Ende OktoberGute Erträge, sehr große Früchte mit hohem Fruchtfleischanteil.
Resistent gegen: Trockenheit
Anfällig für: Monilia, Taschenkrankheit
Großfrüchtige Auslese, die sich hervorragend für die manuelle Ernte und die Verarbeitung zu Premium-Säften eignet.
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Alle Anwendungen ansehenHäufige Fragen
Wie lässt sich die starke Ausläuferbildung der Kultur im Erwerbsanbau kontrollieren?
Die Ausläuferbildung ist eine biologische Eigenart von Prunus spinosa. Im professionellen Anbau wird dem durch den Einsatz von tiefgehenden Scheibeneggen oder Wurzelcuttern in den Fahrgassen entgegengewirkt. Alternativ kann die Kultur auf schwachwüchsige Unterlagen wie St. Julien A veredelt werden, was die Ausläuferbildung fast vollständig unterbindet und die mechanische Bodenpflege erleichtert.
Welche Bedeutung hat das BBCH-Stadium für die Terminierung von Pflanzenschutzmaßnahmen bei Schlehen?
Besonders die Stadien BBCH 59 (Ballonstadium) bis BBCH 69 (Ende der Blüte) sind kritisch für die Bekämpfung von Monilia-Spitzendürre. Behandlungen mit zugelassenen Pflanzenschutzmitteln müssen exakt in dieser Phase bei infektionsfördernder, feucht-warmer Witterung erfolgen. Spätere Anwendungen nach BBCH 75 zeigen meist keine ausreichende Wirkung mehr gegen den Erreger.
Wie finde ich im Agronomie-Hub zugelassene Pflanzenschutzmittel gegen Schaderreger an Schlehen?
Da Schlehen im Pflanzenschutzrecht oft unter die Kategorie 'Steinobst' oder 'Wildobst' fallen, sind die Zulassungen speziell geregelt. Nutzen Sie im Hub die Filterfunktion für 'Kultur: Schlehe' oder 'Kultur: Wildobst' und filtern Sie nach dem gewünschten Schaderreger (z. B. Monilinia). Achten Sie stets auf die spezifischen Anwendungsbestimmungen und Wartezeiten (PHI) für diese Nischenkultur.
Warum ist die Frosttoleranz der Blüten bei Prunus spinosa trotz sehr früher Blüte so hoch?
Schlehen blühen oft schon im März (BBCH 60–65), weit vor dem Blattaustrieb. Die Blüten besitzen eine natürliche physiologische Frostresistenz gegen leichte Spätfröste bis ca. -3 °C. Bei tieferen Temperaturen drohen jedoch Ertragseinbußen, weshalb windgeschützte Lagen oder Hanglagen im Erwerbsanbau bevorzugt werden sollten.
Welche Rolle spielt das Scharka-Virus (PPV) beim Anbau von Schlehen und wie wird es überwacht?
Schlehen sind ein natürliches Reservoir für das Scharka-Virus (Plum Pox Virus), zeigen selbst aber oft nur schwache Symptome. Da sie als Infektionsquelle für benachbarte Erwerbsobstanlagen (Zwetschgen, Pfirsiche) dienen können, ist eine regelmäßige Vektorenbekämpfung (Blattläuse) im Frühjahr essenziell. Befallene Sträucher sollten gerodet werden, um den Infektionsdruck in der Region zu senken.