Anthracnose-Fruchtfäule, Bitterfäule (Neofabraea malicorticis)
Neofabraea malicorticis (EPPO-Code: PEZIMA), oft auch als Erreger der Gloeosporium-Fäule oder des Rindenbrands beim Apfel bekannt, ist einer der wirtschaftlich bedeutendsten Schadpilze im europäischen Kernobstanbau. Der Schaderreger verursacht sowohl im Feld (als Rindenbrand) als auch im Lager (als typische kreisrunde Lagerfäule) erhebliche Qualitäts- und Ertragsverluste. Besonders tückisch ist, dass die Infektion bereits im Freiland während der Vegetationsperiode erfolgt, die Symptome an den Früchten jedoch meist erst Wochen oder Monate später im Kühllager sichtbar werden.
Die wirtschaftliche Relevanz ist extrem hoch, da befallene Partien oft komplett unverkäuflich werden oder aufwendig nachsortiert werden müssen. Neben Äpfeln können auch Birnen und Quitten infiziert werden. Feuchte Witterungsbedingungen im Spätsommer und Herbst begünstigen die Infektion der reifenden Früchte massiv. In feuchten Anbaugebieten Mitteleuropas gehört dieser Pilz zu den Hauptursachen für Ausfälle im Langzeitlager.
Biologie / Lebenszyklus
Der Pilz überwintert hauptsächlich als Myzel in Rindenkrebsen, infizierten Fruchtspießen oder auf mumifizierten Früchten im Baum. Ab dem Frühjahr und über den gesamten Sommer hinweg werden bei feuchtem Wetter Konidien (Sommersporen) aus den Fruchtkörpern freigesetzt und durch Regenspritzer im Baum verteilt. Die Infektion der Früchte erfolgt primär über Lentizellen, Mikrorisse oder Wunden, wobei die Anfälligkeit der Früchte mit zunehmender Reife ab BBCH 75 bis zur Ernte (BBCH 87–89) stark ansteigt. Nach dem Eindringen verbleibt der Erreger in einer Ruhephase (Latenz) und beginnt erst mit dem Abbau des Fruchtfleisches, wenn die Frucht im Lager nachreift und der Säuregehalt sinkt.
Bonitur
Ein direktes Monitoring des Fruchtbefalls im Feld ist aufgrund der latenten Infektion nicht möglich. Daher basiert die Überwachung auf der Erfassung von Infektionsbedingungen (Niederschlagsmengen und Blattnässe) ab dem Fruchtwachstum (BBCH 71) bis zur Ernte. Besondere Aufmerksamkeit ist ab BBCH 79 (Fruchtgröße ca. 90 % der Endgröße) und bei späten Sorten geboten, wenn langanhaltende Regenperioden auftreten. Zudem solltest du im Winter und Frühjahr beim Baumschnitt systematisch auf Rindennekrosen und Krebsstellen achten, um das Inokulumpotenzial für die kommende Saison abzuschätzen.
Symptome
An den Früchten im Lager zeigen sich typische, kreisrunde, leicht eingesunkene, hell- bis dunkelbraune Fäulnisstellen, die oft ein charakteristisches "Fliegenauge" (konzentrische Ringe) aufweisen. Im Zentrum dieser Faulstellen bilden sich unter feuchten Bedingungen gelblich-weiße bis lachsfarbene Sporenlager (Acervuli). Das betroffene Fruchtfleisch ist weich, schmeckt bitter und lässt sich leicht kegelförmig aus dem gesunden Gewebe herausschneiden. Am Holz äußert sich der Befall durch rötlich-braune, eingesunkene Rindennekrosen (Rindenbrand), die oft im Bereich von Schnittwunden oder Knospenbasen entstehen und deren Rinde später faserig aufreißt.
Integriertes Management
Die Bekämpfung erfordert eine konsequente integrierte Strategie. Kulturmaßnahmen stehen im Vordergrund: Entferne beim Winterschnitt konsequent alle infizierten Triebe, Rindenkrebse und Fruchtmumien aus der Anlage, um die Sporenquelle zu minimieren. Achte auf eine luftige Kronengestaltung, damit das Laub und die Früchte nach Regenfällen rasch abtrocknen. Chemische Pflanzenschutzmittel (Fungizide) werden gezielt in der sensiblen Phase vor der Ernte (BBCH 81–89) eingesetzt, wobei die Wartezeiten strikt einzuhalten sind. Um Resistenzen vorzubeugen, musst du Wirkstoffe aus unterschiedlichen FRAC-Klassen (z. B. SDHI, Strobilurine, Fludioxonil) im Wechsel anwenden und die maximal zulässige Anzahl an Anwendungen pro Saison nicht überschreiten.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Alle Anwendungen ansehenHäufige Fragen
Wie unterscheidet sich die Gloeosporium-Fäule im frühen Stadium von der Bitterfäule (Colletotrichum)?
Im Anfangsstadium sind die braunen Flecken visuell kaum zu unterscheiden. Ein wichtiges Indiz ist jedoch die Temperatur: Während Colletotrichum-Arten wärmeliebend sind und oft schon vor der Ernte am Baum auftreten, entwickelt sich Neofabraea malicorticis primär bei kühlen Temperaturen im Lager. Zudem sind die Sporenlager von Colletotrichum meist eher orange-rötlich, während jene von Neofabraea eher gelblich-weiß bis blassrosa erscheinen. Eine sichere Diagnose ist oft nur mikroskopisch anhand der gekrümmten Konidienform möglich.
Welche Rolle spielt die Stickstoffdüngung bei der Anfälligkeit der Kulturen?
Eine übermäßige oder zu späte Stickstoffdüngung führt zu einem mastigen Triebwachstum und weicherem Fruchtgewebe. Dadurch weiten sich die Lentizellen an den Früchten stärker auf, was dem Pilz das Eindringen erleichtert. Zudem reifen die Früchte ungleichmäßiger aus. Du solltest daher die Stickstoffgaben basierend auf Boden- und Blattanalysen präzise steuern, um ein ausgewogenes Verhältnis von Stickstoff zu Calcium im Fruchtfleisch zu gewährleisten.
Warum sind späte Apfelsorten anfälliger für diesen Schaderreger als frühe Sorten?
Späte Sorten hängen deutlich länger am Baum und sind somit über einen längeren Zeitraum den herbstlichen, oft feuchteren Witterungsbedingungen ausgesetzt. Da die Anfälligkeit der Früchte mit fortschreitender Reife zunimmt, steigt das Infektionsrisiko im Spätsommer und Herbst exponentiell an. Zudem verbleiben späte Sorten meist am längsten im CA-Lager, was dem latenten Pilz ausreichend Zeit gibt, die Fäule auszubilden.
Wie kann ich das Infektionsrisiko mithilfe von Wetterdaten im Feld abschätzen?
Der Pilz benötigt für die Keimung und Infektion freies Wasser auf der Frucht- oder Rindenoberfläche. Kritisch sind langanhaltende Blattnässeperioden von mehr als 8 bis 12 Stunden bei Temperaturen zwischen 10 und 20 °C im Zeitraum ab BBCH 79 bis zur Ernte. Wenn deine Wetterstation solche Bedingungen nach einem Regenereignis registriert, solltest du zeitnah eine vorbeugende Behandlung mit einem zugelassenen Pflanzenschutzmittel einplanen, sofern die Wartezeit dies zulässt.
Wie finde ich auf agronomy.farmable.tech die passenden Pflanzenschutzmittel gegen diesen Erreger?
Nutze im Hub die Filterfunktion für Indikationen und suche gezielt nach dem Schaderreger "Neofabraea malicorticis" oder "Lagerfäule". Du erhältst dann eine Liste aller in deinem Land aktuell zugelassenen Pflanzenschutzmittel inklusive der zugelassenen Aufwandmengen, maximalen Anwendungen, BBCH-Anwendungsfenster und der einzuhaltenden Wartezeit vor der Ernte.
Hilft eine Heißwasserbehandlung der Früchte nach der Ernte gegen die Lagerfäule?
Ja, eine thermische Nacherntebehandlung (z. B. ein kurzes Tauchbad bei 50 bis 52 °C für 2 bis 3 Minuten) kann latente Infektionen in der Schale effektiv abtöten, ohne die Fruchtqualität zu beeinträchtigen. Dies ist besonders im ökologischen Anbau eine wertvolle Maßnahme. Du musst jedoch die Temperatur und Behandlungsdauer exakt einhalten, um Hitzeschäden (Schalenbräune) an den Früchten zu vermeiden.