Großer Frostspanner
Der Große Frostspanner (Erannis defoliaria, EPPO-Code: HIBEDE) ist ein forst- und obstwirtschaftlich bedeutender Schädling aus der Familie der Spanner (Geometridae). Die Art zeichnet sich durch einen ausgeprägten Sexualdimorphismus aus: Während die Männchen voll geflügelt und flugfähig sind, besitzen die Weibchen lediglich winzige Flügelstummel und sind flugunfähig. Dies schränkt ihre Ausbreitungsdynamik stark ein, führt jedoch zu konzentrierten lokalen Populationen.
In der Landwirtschaft betrifft der Befall vor allem den Erwerbsobstbau, insbesondere Kulturen wie Apfel (Malus domestica) und Birne (Pyrus communis), aber auch verschiedene Ziergehölze. Bei Massenvermehrungen (Gradationen) können die gefräßigen Raupen im Frühjahr beträchtliche Schäden durch Kahlfraß an Knospen, Blättern und jungen Fruchtansätzen verursachen, was zu erheblichen Ertragseinbußen und einer nachhaltigen Schwächung der betroffenen Kulturen führt.
Biologie / Lebenszyklus
Die Art bildet eine Generation pro Jahr aus. Die adulten Falter schlüpfen im Herbst (meist von Oktober bis Dezember) nach den ersten Frostnächten aus den im Boden liegenden Puppen. Die flugunfähigen Weibchen klettern am Stamm der Wirtsbäume empor, wo sie nach der Paarung mit den flugfähigen Männchen ihre Eier einzeln oder in kleinen Gruppen in Rindenritzen und Knospenschuppen ablegen. Die Überwinterung erfolgt im Eistadium. Im darauffolgenden Frühjahr, zeitgleich mit dem Knospenaufbruch der Kulturen (ca. BBCH 07 bis 10), schlüpfen die Larven. Sie fressen bis zum Frühsommer an Blättern und Blüten, seilen sich dann zur Verpuppung in den Boden ab und verbleiben dort bis zum Herbst.
Bonitur
Die Überwachung des Befallsdrucks erfolgt primär im Herbst und im zeitigen Frühjahr. Ab Oktober können Leimringe an den Stämmen der Kulturen angebracht werden, um die emporkletternden, flugunfähigen Weibchen zu erfassen und gleichzeitig mechanisch abzuwehren (Zähl- und Fangmethode). Im Frühjahr, kritisch zwischen den BBCH-Stadien 53 (Grüne Knospe) und 59 (Ballonstadium), wird eine visuelle Kontrolle der Knospen und jungen Blätter auf frisch geschlüpfte Raupen durchgeführt. Als Schadensschwelle im Erwerbsobstbau gilt im Vorblütenbereich ein Besatz von mehr als 3 bis 5 Raupen pro 100 Blütenbüschel.
Symptome
Erste Symptome zeigen sich im Frühjahr durch feine Fraßlöcher an den frisch austreibenden Knospen und jungen Blättern. Mit fortschreitender Larvalentwicklung kommt es zu starkem Loch- und Skelettierfraß, der sich bei starkem Befall bis zum vollständigen Kahlfraß des Laubwerks ausweiten kann. Typisch ist auch der Fraß an Blütenorganen und jungen Fruchtansätzen, was zu tiefen, vernarbenden Fraßstellen an den späteren Früchten führt (sogenannte "Frostspannerschäden" oder bucklige Früchte). Die Raupen bewegen sich in der charakteristischen, schleifenförmigen "Spanner-Manier" fort und spinnen Blätter oft leicht zusammen, um sich vor Witterung und Feinden zu schützen.
Integriertes Management
Ein integriertes Pflanzenschutzkonzept setzt auf eine Kombination mechanischer, biologischer und chemischer Maßnahmen. Mechanisch ist das rechtzeitige Anbringen von Leimringen im September/Oktober äußerst effektiv, um die Eiablage im Kronenbereich zu verhindern. Biologisch wird die Ansiedlung natürlicher Feinde wie Meisen und räuberischer Arthropoden gefördert; zudem ist der Einsatz von *Bacillus thuringiensis*-Präparaten gegen junge Larvenstadien im Frühjahr (BBCH 10 bis 54) hochwirksam und schont Nützlinge. Sollte ein chemischer Pflanzenschutz erforderlich sein, stehen spezifische Pflanzenschutzmittel zur Verfügung. Zur Vermeidung von Resistenzen ist ein Wirkstoffwechsel gemäß den IRAC-Richtlinien strikt einzuhalten, wobei der Fokus auf nützlingsschonenden Selektivpräparaten liegen sollte.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Alle Anwendungen ansehenHäufige Fragen
Wie unterscheidet sich der Große Frostspanner im Schadbild und Aussehen vom Kleinen Frostspanner?
Obwohl beide Schaderreger ähnliche Fraßschäden verursachen, tritt der Große Frostspanner (*Erannis defoliaria*) oft etwas später im Frühjahr auf und die Larven sind deutlich größer und kräftiger gezeichnet (rötlich-braun mit gelben Seitenstreifen) im Vergleich zu den hellgrünen Raupen des Kleinen Frostspanners (*Operophtera brumata*). Zudem sind die Weibchen des Großen Frostspanners völlig flügellos und gelb-schwarz gepunktet, während die des Kleinen Frostspanners kurze Flügelstummel besitzen.
Wann ist der optimale Zeitpunkt, um Leimringe im Obstgarten anzubringen und zu warten?
Leimringe müssen spätestens Ende September, vor dem Einsetzen der ersten Nachtfröste und dem Beginn des Falterflugs, fest um den Stamm und eventuelle Stützpfähle angebracht werden. Eine regelmäßige Kontrolle bis in den Januar hinein ist notwendig, da herabfallendes Laub den Leim überbrücken kann und die Ringe bei starkem Ansturm von Weibchen "gesättigt" sein können, was nachfolgenden Weibchen die Überquerung ermöglicht.
Können biologische Pflanzenschutzmittel auf Basis von Bacillus thuringiensis auch bei kühlen Frühjahrstemperaturen eingesetzt werden?
Präparate auf Basis von *Bacillus thuringiensis* (Bt) wirken als Fraßgift und erfordern eine aktive Nahrungsaufnahme der Raupen. Bei Temperaturen unter 12 °C ist die Fraßaktivität der Larven stark reduziert, was die Wirksamkeit des biologischen Pflanzenschutzmittels erheblich mindert; die Anwendung sollte daher an warmen, frostfreien Tagen im Frühjahr erfolgen.
Wie finde ich im Agronomie-Hub zugelassene Pflanzenschutzmittel gegen den Großen Frostspanner?
Nutzen Sie die Such- und Filterfunktion im Hub, indem Sie nach der Zielkultur (z. B. Apfel) und dem Schaderreger "Großer Frostspanner" filtern. Achten Sie darauf, die aktuellen Zulassungsdaten, spezifischen BBCH-Anwendungsfenster und die vorgeschriebenen Wartezeiten (PHI) für Ihre jeweilige Region abzugleichen.
Welche Rolle spielen Schlupfwespen bei der natürlichen Regulierung des Schädlings?
Schlupfwespen (z. B. Arten der Familien Ichneumonidae und Braconidae) sowie Raupenfliegen (Tachinidae) sind wichtige Gegenspieler, die die Larven und Puppen des Frostspanners parasitieren. Durch den Verzicht auf breitbandige chemische Pflanzenschutzmittel und die Förderung von Blühstreifen im Unterwuchs der Kulturen wird die Population dieser Nützlinge gestärkt, was den Befallsdruck in den Folgejahren auf natürliche Weise dämpft.