Kohldrehherzmücke
Die Kohldrehherzmücke (Contarinia nasturtii, EPPO-Code: CONTNA) ist ein wirtschaftlich bedeutender Schaderreger im professionellen Kohlanbau. Die winzige Gallmücke gehört zur Familie der Cecidomyiidae und befällt nahezu alle wirtschaftlich genutzten Kreuzblütler (Brassicaceae), insbesondere Kopfkohl, Blumenkohl, Brokkoli und Raps. Ein Befall kann insbesondere bei Jungpflanzen zu Totalausfällen führen, da die Larven durch ihre Saugtätigkeit das Herzblattgewebe irreversibel schädigen.
Der Schaderreger ist in ganz Europa verbreitet und stellt vor allem in intensiven Gemüsebauregionen ein dauerhaftes Problem dar. Durch den Trend zu satzweisem Anbau und die damit verbundene kontinuierliche Verfügbarkeit von Wirtskulturen im Freiland finden die Populationen optimale Vermehrungsbedingungen vor. Die gezielte Behandlung ist aufgrund der versteckten Lebensweise der Larven im Inneren der Herzblätter äußerst anspruchsvoll.
Biologie / Lebenszyklus
Die Überwinterung erfolgt als Larve in einem Kokon im Boden, wo im Frühjahr bei Bodentemperaturen ab etwa 12–15 °C die Verpuppung einsetzt. Die adulten Mücken der ersten Generation schlüpfen meist ab Mai und leben nur wenige Tage, in denen die Eiablage in Gruppen an den jüngsten Blattstielen und im Herz der Kultur erfolgt. Nach wenigen Tagen schlüpfen die Larven, die durch die Abgabe von Speichelsekreten Gallen und Gewebeverkrümmungen verursachen. Nach Abschluss ihrer Entwicklung (ca. 2–3 Wochen) lassen sich die Larven zu Boden fallen, um sich in den oberen Bodenschichten zu verpuppen, woraus je nach Witterung im Laufe der Saison 3 bis 4 sich überschneidende Generationen hervorgehen.
Bonitur
Das Monitoring basiert auf dem Einsatz von Pheromonfallen zur Erfassung des Falterflugs, die bereits vor dem Auspflanzen bzw. ab BBCH 12 der Kulturen im Feld installiert werden sollten. Die kritische Schadschwelle liegt im sensiblen Jungpflanzenstadium (BBCH 12 bis BBCH 19) bei einem Fang von 1 bis 2 Mücken pro Falle und Tag über einen kurzen Zeitraum. Da die Eiablage und der Larvenfraß im verborgenen Herzbereich stattfinden, ist eine visuelle Kontrolle der Herzblätter auf glasige, winzige Eigelege oder erste Deformationen ab BBCH 14 unerlässlich, um den optimalen Behandlungszeitpunkt vor dem Schließen des Blattapparates nicht zu verpassen.
Symptome
Typische Symptome im Feld sind verkrümmte, verdickte und asymmetrisch wachsende Blattstiele der inneren Blätter. Das Herzblatt stirbt häufig vollständig ab ("Drehherzigkeit"), was bei Kopfkohl zu einer vielköpfigen oder gänzlich fehlenden Kopfbildung führt. Bei Blumenkohl und Brokkoli kommt es zu verkrüppelten, asymmetrischen Blumen oder dem kompletten Ausbleiben der Blütenstandsentwicklung ("Grießeln"). Zudem zeigen die betroffenen Gewebeteile oft wässrige, braune Nekrosen, die sekundär durch Fäulniserreger besiedelt werden.
Integriertes Management
Ein integriertes Management kombiniert weite Fruchtfolgen (mindestens 4 Jahre Abstand zu Brassicaceen) und eine räumliche Trennung zu Vorjahresflächen, um den Zuflug zu minimieren. Der Einsatz von feinen Kulturschutznetzen (Maschenweite ≤ 0,8 mm) direkt nach der Pflanzung bietet einen mechanischen Schutz, sofern die Fläche im Vorjahr frei von dem Schaderreger war. Chemische Pflanzenschutzmittel sollten gezielt beim Erreichen der Schadschwelle und streng nach dem Schlupf der Larven, aber noch vor deren Einwandern in das schützende Herzgewebe, appliziert werden. Zur Vermeidung von Resistenzen ist ein konsequenter Wirkstoffwechsel zwischen verschiedenen IRAC-Klassen (z. B. Pyrethroide und systemische Neonikotinoide/Butenolide) zwingend erforderlich.
Häufige Fragen
Wie tief im Boden überwintern die Puppen der Kohldrehherzmücke und wie beeinflusst dies die Bodenbearbeitung?
Die Larven verpuppen sich vorwiegend in den obersten 2 bis 5 cm des Bodens. Eine tiefe Bodenbearbeitung (z. B. Pflügen) nach der Ernte kann die Kokons tiefer vergraben (unter 15 cm), was das Schlüpfen der adulten Mücken im folgenden Frühjahr erheblich erschwert und die Populationsdichte auf der Fläche reduziert.
Warum wirken Kontaktinsektizide oft unzureichend gegen die Larven von Contarinia nasturtii?
Sobald sich die Larven in den engen Falten der Herzblätter befinden, sind sie mechanisch extrem gut geschützt. Kontaktinsektizide erreichen diese Bereiche nicht; daher müssen Behandlungen exakt zum Zeitpunkt des Larvenschlupfs erfolgen, bevor sich die Blätter kräuseln, oder es müssen systemisch wirkende Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden.
Wie lässt sich der Schlupf der ersten Generation im Frühjahr präzise vorhersagen?
Neben Pheromonfallen können Temperatursummenmodelle genutzt werden. Der Erstflug der Mücken beginnt meist, sobald eine kumulierte Bodentemperatursumme (Basis 8 °C) in 5 cm Tiefe von etwa 200 Gradtagen erreicht ist, was in Mitteleuropa meist mit der Blüte des Löwenzahns korreliert.
Können Kulturschutznetze auch dann eingesetzt werden, wenn auf der Fläche im Vorjahr Kohlgewächse standen?
Nein, davon wird dringend abgeraten. Wenn im Vorjahr Kreuzblütler auf der Fläche standen, befinden sich die Puppen bereits im Boden unter dem Netz. Die schlüpfenden Mücken wären dann unter dem Netz gefangen und würden die neue Kultur massiv schädigen.
Wie finde ich aktuell zugelassene Pflanzenschutzmittel gegen diesen Schaderreger auf agronomy.farmable.tech?
Nutzen Sie die Suchfunktion in unserem Pflanzenschutz-Hub und filtern Sie nach der Kultur (z. B. Blumenkohl) und dem Schaderreger "Contarinia nasturtii" oder "Kohldrehherzmücke". Achten Sie bei der Auswahl auf die spezifischen Anwendungsbestimmungen, die zugelassenen BBCH-Stadien und die Wartezeiten der jeweiligen Präparate.