Kohldrehherzmücke
Die Kohldrehherzmücke (Contarinia nasturtii, EPPO-Code: CONTNA) ist ein wirtschaftlich bedeutender Schaderreger im Anbau von Kreuzblütlern (Brassicaceae). Als winzige Gallmücke verursacht sie durch die Saugtätigkeit ihrer Larven erhebliche Schäden an Kopfkohl, Blumenkohl, Brokkoli und Raps. Besonders im professionellen Gemüsebau kann ein Befall zu totalem Ernteausfall führen, da das Herzblatt der Kulturen zerstört wird.
Der Schaderreger ist in ganz Europa verbreitet und tritt besonders in feuchtwarmen Sommern massenhaft auf. Da die adulten Mücken nur sehr kurz leben und windempfindlich sind, konzentriert sich der Befall oft auf windgeschützte Lagen. Die Regulierung ist aufgrund der versteckten Lebensweise der Larven im Inneren der Herzblätter äußerst anspruchsvoll.
Biologie / Lebenszyklus
Die Kohldrehherzmücke überwintert als Larve in einem Kokon im Boden und verpuppt sich im Frühjahr. Ab Mai schlüpfen die adulten Mücken der ersten Generation, die nur wenige Tage leben und ihre Eier in Gruppen an den jüngsten Blättern und Herzknospen der Kulturen ablegen. Nach wenigen Tagen schlüpfen die Larven, die durch Sekrete das Pflanzengewebe reizen und sich von den austretenden Säften ernähren. Nach Abschluss ihrer Entwicklung lassen sich die Larven zu Boden fallen, um sich dort zu verpuppen, woraus je nach Witterung im Laufe des Sommers bis zu vier sich überschneidende Generationen entstehen.
Bonitur
Ein effektives Monitoring beginnt bereits ab dem Auflaufen bzw. dem Auspflanzen der Kulturen (ab BBCH 12 bis BBCH 39). Zur Überwachung des Fluges der adulten Mücken solltest du Pheromonfallen aufstellen, die knapp über dem Pflanzenbestand platziert werden. Ein kritischer Schwellenwert für eine gezielte Behandlung liegt häufig bei einem Fang von 10 Mücken pro Falle und Tag bei anfälligen Kulturen wie Blumenkohl oder Brokkoli. Zusätzlich ist eine regelmäßige visuelle Kontrolle der Herzblätter auf erste Eiablagen oder junge, glasige Larven unerlässlich, um den optimalen Behandlungszeitpunkt nicht zu verpassen.
Symptome
Typische Symptome im Feld sind verkrümmte, verdrehte und verdickte Blattstiele der Herzblätter, was der Mücke ihren Namen gab ("Drehherzigkeit"). Die Herzknospe stirbt oft vollständig ab, was bei Kopfkohl zu einer Vielköpfigkeit oder völligen Blindheit (keine Kopfbildung) führt. Bei Blumenkohl und Brokkoli kommt es zu verkrüppelten, asymmetrischen Blumen oder dem kompletten Ausbleiben der Blütenstandsentwicklung. Zudem zeigen die betroffenen Gewebeteile oft braune, korkige Narben und sekundäre Fäulniserscheinungen durch bakterielle Infektionen an den Fraßstellen.
Integriertes Management
Die integrierte Regulierung basiert auf einer weiten Fruchtfolge, da die Puppen im Boden überwintern; neue Kulturen sollten möglichst weit entfernt von Vorjahresflächen angelegt werden. Mechanische Schutzmaßnahmen wie das lückenlose Abdecken der Beete mit Kulturschutznetzen (Maschenweite maximal 0,8 mm) direkt nach der Pflanzung bieten einen sehr wirksamen Schutz vor der Eiablage. Chemische Pflanzenschutzmittel sollten nur nach Überschreiten der Schadensschwelle und gezielt gegen die frisch geschlüpften Larven eingesetzt werden, bevor diese sich tief im Herzblatt einschließen. Um Resistenzen vorzubeugen, ist ein konsequenter Wirkstoffwechsel nach dem IRAC-Schema (z. B. zwischen Pyrethroiden und systemischen Wirkstoffen) zwingend einzuhalten.
Häufige Fragen
Wie tief im Boden überwintern die Larven und was bedeutet das für deine Bodenbearbeitung?
Die Larven überwintern meist in den oberen 5 bis 10 cm des Bodens. Durch eine tiefe Bodenbearbeitung (z. B. Pflügen) nach der Ernte kannst du die Kokons in tiefere Bodenschichten vergraben. Dies erschwert das Schlüpfen der Mücken im folgenden Frühjahr erheblich und senkt den anfänglichen Populationsdruck.
Warum wirken Kontaktinsektizide oft nur unzureichend gegen diesen Schaderreger?
Sobald sich die Larven tief in die Herzblätter eingegraben haben und das Gewebe sich kräuselt, sind sie für Kontaktmittel physisch nicht mehr erreichbar. Eine erfolgreiche Anwendung von Kontaktinsektiziden muss daher exakt zum Zeitpunkt des Larvenschlupfs erfolgen, bevor sie sich einbohren. Alternativ bieten systemische Pflanzenschutzmittel eine bessere Tiefenwirkung.
Welchen Einfluss hat die Beregnung auf den Befall mit der Kohldrehherzmücke?
Eine gezielte Überkopfberegnung während der Hauptflugzeit kann die Eiablage der wind- und feuchtigkeitsempfindlichen adulten Mücken stören. Zudem spült ein starker Wasserstrahl frisch abgelegte Eier und junge Larven teilweise von den Herzblättern ab, was den Befallsdruck mindern kann.
Wie findest du zugelassene Pflanzenschutzmittel gegen diesen Schädling im Hub?
Nutze die Suchfunktion im Hub und filtere nach deiner spezifischen Kultur (z. B. Blumenkohl) und dem Schaderreger "Kohldrehherzmücke". Achte bei der Auswahl auf die aktuelle Zulassungssituation, die zugelassenen BBCH-Stadien sowie die einzuhaltende Wartezeit vor der Ernte.
Gibt es resistente oder weniger anfällige Kohlsorten, die du anbauen kannst?
Eine echte Resistenz gibt es bei den gängigen Kulturen leider nicht. Allerdings zeigen schnellwachsende Sorten und solche mit einer offeneren Herzstruktur oft geringere Schäden, da sich dort weniger Feuchtigkeit staut und die Larven den mechanischen Reiz schlechter etablieren können. Auch ein früherer Pflanztermin hilft, sensible BBCH-Stadien vor dem Hauptflug der ersten Generation zu durchschreiten.
Wie unterscheidest du Schäden der Kohldrehherzmücke von physiologischen Herzlosigkeit-Symptomen?
Physiologische Herzlosigkeit (z. B. durch Molybdänmangel oder Spätfröste) zeigt meist saubere, trockene Vegetationspunkte ohne Gewebeverbräunungen oder Schleimbildung. Bei einem Befall durch die Kohldrehherzmücke findest du hingegen fast immer typische braune, korkige Fraßspuren an den Blattstielbasen sowie die winzigen, anfangs glasig-weißen, später gelblichen Larven.