Krebs: Apfel
Der Obstbaumkrebs, verursacht durch den Schlauchpilz Neonectria ditissima (EPPO-Code: NECTGA; oft auch unter dem älteren Namen Nectria galligena bekannt), gehört zu den wirtschaftlich bedeutendsten Rindenkrankheiten im Erwerbsobstbau. Besonders im Apfel- und Birnenanbau führt dieser Schaderreger zu erheblichen Ertragsausfällen und kann im schlimmsten Fall zum Absterben ganzer Bäume führen. Neben dem Kernobst befällt der Pilz auch verschiedene Laubgehölze wie Buchen und Eschen.
Die wirtschaftliche Relevanz ist enorm, da Infektionen nicht nur das ertragtragende Holz schädigen, sondern auch eine späte Fruchtfäule (die sogenannte Kelch- oder Lagerfäule) an den geernteten Früchten im Lager verursachen können. Der Erreger ist weltweit in feucht-gemäßigten Anbauregionen verbreitet. In Europa tritt er besonders in Regionen mit hohen Niederschlagsmengen während des herbstlichen Laubfalls und des Frühjahrsaustriebs verstärkt auf, was den Pflanzenschutz vor große Herausforderungen stellt.
Biologie / Lebenszyklus
Der Pilz überwintert als Myzel in den Krebsstellen der Rinde sowie in Form von Hauptfruchtformen (Perithezien), die rote, stecknadelkopfgroße Fruchtkörper auf dem infizierten Gewebe bilden. Bei feuchter Witterung werden im Frühjahr und Sommer Ascosporen (sexuell) sowie Konidien (asexuell) ausgestoßen und durch Wind und Regenspritzer verbreitet. Die Infektion erfolgt ausschließlich über Wunden wie Blattnarben im herbstlichen Laubfall (BBCH 91–97), Frostschäden, Schnittwunden oder mechanische Verletzungen während der Vegetationsperiode. Nach dem Eindringen breitet sich das Myzel im Rindengewebe aus, zerstört das Kambium und führt zur typischen Krebswulstbildung.
Bonitur
Ein systematisches Monitoring sollte ganzjährig erfolgen, mit besonderem Fokus auf die Phasen des Schnitts im Spätwinter und den herbstlichen Laubfall (BBCH 91–97). Eine feste Schadschwelle existiert nicht, da bereits geringer Befall zu einer kontinuierlichen Ausbreitung im Bestand führt; daher gilt eine Nulltoleranz für frische Infektionen im Jungbaumstadium. Du solltest deine Anlagen regelmäßig auf rötliche Fruchtkörper und einsinkende Rindenpartien kontrollieren. Besondere Aufmerksamkeit ist nach Hagelereignissen oder starkem Frost geboten, da diese Ereignisse massive Eintrittspforten für den Schaderreger schaffen.
Symptome
Typisch für den Befall sind eingesunkene, braun bis violett verfärbte Rindenpartien an Trieben, Ästen oder am Stamm. Im weiteren Verlauf reißt die Rinde konzentrisch auf, und es bilden sich durch die Abwehrreaktion der Kultur wulstige Wundränder (die charakteristischen „Krebsbäume“). An den Infektionsstellen zeigen sich im Winter und zeitigen Frühjahr die stecknadelkopfgroßen, leuchtend roten Perithezien des Pilzes. Bei einer Infektion der Früchte entsteht eine meist vom Kelch ausgehende, braune, feste Fäulnis (Lagerfäule), die oft erst im Kühllager sichtbar wird.
Integriertes Management
Die Bekämpfung erfordert eine konsequente, integrierte Strategie. Kulturtechnische Maßnahmen stehen im Vordergrund: Infiziertes Holz muss beim Winterschnitt großzügig bis ins gesunde Holz hinein ausgeschnitten und aus der Anlage entfernt werden. Größere Schnittwunden solltest du umgehend mit einem Wundverschlussmittel versorgen. Chemische Pflanzenschutzmittel (Kupferpräparate oder organische Fungizide) werden gezielt zu den Hauptrisikozeiten eingesetzt, insbesondere während des herbstlichen Laubfalls (z. B. bei 10 %, 50 % und 100 % Blattfall) sowie im Frühjahr bei Knospenaufbruch (BBCH 01–09). Um Resistenzen vorzubeugen, ist ein konsequenter Wirkstoffklassenwechsel gemäß den FRAC-Richtlinien einzuhalten, wobei vor allem auf die Kombination von Kontakt- und systemischen Fungiziden geachtet werden sollte.
Häufige Fragen
Wann ist das Risiko für eine Infektion durch den Obstbaumkrebs am höchsten?
Das größte Infektionsrisiko besteht bei feucht-warmer Witterung während des herbstlichen Laubfalls (BBCH 91–97) und direkt nach dem Winterschnitt. Zu diesen Zeiten entstehen natürliche oder mechanische Wunden (Blattnarben, Schnittflächen), die dem Schaderreger als ideale Eintrittspforten dienen. Auch nach Hagelereignissen im Sommer solltest du schnellstmöglich eine vorbeugende Behandlung einplanen.
Wie kann ich im Hub registrierte Pflanzenschutzmittel gegen Neonectria ditissima finden?
Nutze die Suchfunktion im Pflanzenschutz-Hub und filtere gezielt nach deiner Kultur (z. B. Apfel) und dem Schaderreger "Neonectria ditissima" oder dem EPPO-Code "NECTGA". Achte darauf, die Zulassungsbestimmungen und die spezifischen Anwendungsbestimmungen für deine Region zu prüfen.
Welche Rolle spielt die Sortenwahl bei der Vorbeugung gegen den Obstbaumkrebs?
Die Sortenanfälligkeit variiert stark. Sehr anfällige Kultursorten wie 'Gala', 'Braeburn' oder 'Kanzi' erfordern in feuchten Lagen ein intensiviertes Wund- und Pflanzenschutzmanagement. Wenn du Neuanlagen in risikoreichen Lagen planst, solltest du weniger anfällige Sorten bevorzugen und stets auf gesundes, zertifiziertes Pflanzmaterial achten.
Wie verhindere ich eine Resistenzbildung bei der chemischen Bekämpfung?
Halte dich strikt an die FRAC-Vorgaben zur Resistenzvermeidung. Wechsle regelmäßig zwischen verschiedenen Wirkstoffklassen (z. B. Triazole, Strobilurine und Kontaktfungizide wie Kupferpräparate). Vermeide Solobehandlungen mit gefährdeten Wirkstoffgruppen und halte stets die empfohlenen Aufwandmengen ein, um den selektiven Druck auf den Pilz zu minimieren.
Kann gehäckseltes Holz von infizierten Bäumen in der Anlage verbleiben?
Nein, stark infiziertes Holz mit aktiven Krebsstellen solltest du unbedingt aus der Anlage entfernen und verbrennen oder tief vergraben. Das Häckseln im Fahrgassenzwischenraum birgt das Risiko, dass Sporen bei feuchter Witterung durch Wind und Traktorenwirbel erneut in die Baumkronen gelangen und dort Neuinfektionen verursachen.
Wie unterscheidet sich die Kelchfäule am Baum von der späteren Lagerfäule?
Beide Symptome werden durch denselben Erreger verursacht, zeigen sich aber zu unterschiedlichen Zeiten. Die Kelchfäule entwickelt sich oft schon vor der Ernte direkt an der Kultur, meist begünstigt durch feuchte Blütephasen. Die klassische Lagerfäule hingegen bleibt bei der Ernte meist unentdeckt und bricht erst nach Wochen oder Monaten im Kühllager aus, was zu späten Sortierverlusten führt.