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Sonstiger Schaderreger

Veredelung

grafting
YVERE

Die Veredelung (wissenschaftlich oft als grafting bezeichnet, EPPO-Code: YVERE) ist eine fundamentale kulturtechnische Maßnahme im Wein- und Obstbau, die jedoch gleichzeitig ein kritisches Eintrittstor und einen Hauptübertragungsweg für systemische Schaderreger darstellt. Durch das mechanische Zusammenfügen von Unterlage und Edelreis können Viren, Viroide, Phytoplasmen (wie die Flavescence dorée) und bakterielle Erreger (z. B. Allorhizobium vitis) hocheffizient von infizierten Mutterpflanzen auf gesundes Material übertragen werden. Zudem führt eine mangelhafte Affinität oder fehlerhafte Durchführung zu physiologischem Stress, der die Anfälligkeit der Kultur gegenüber opportunistischen Holzschadorregern drastisch erhöht.

Die ökonomische Relevanz ist immens. Einmal infiziertes Pflanzgut führt zu schleichenden Ertragsverlusten, verminderter Vitalität und vorzeitigem Absterben der Anlagen. Da systemische Schaderreger nach der Veredelung nicht mehr kurativ bekämpft werden können, hängen der langfristige Erfolg und die Standzeit einer Neuanlage direkt von der phytosanitären Qualität des Veredelungsprozesses ab.

Typ
Sonstiger Schaderreger
EPPO-Code
YVERE
Wirte
0 Kulturen
Verbreitung
Die Veredelung wird weltweit in allen professionellen Wein- und Obstbauregionen praktiziert; entsprechend global ist das Risiko der Schaderregerverschleppung verbreitet. Qualitätsmängel und latente Infektionen führen global zu jährlichen Schäden in Millionenhöhe durch Ertragsausfälle und die Notwendigkeit vorzeitiger Rodungen.

Biologie / Lebenszyklus

Der Prozess beginnt mit dem Schnitt und der Lagerung des Vermehrungsmaterials im Winter. Werden infizierte Unterlagen oder Edelreiser verwendet, breiten sich die latenten Schaderreger während der Vortreibphase bei warmen Temperaturen (ca. 25–28 °C) im Kallusgewebe aus. Nach dem Auspflanzen im Rebschulbeet oder im Quartier (BBCH 00 bis 09) zeigt sich der Erfolg der Verwachsung; mangelhafter Saftfluss führt hier bereits zu ersten Ausfällen. Im Laufe der ersten Vegetationsperioden manifestieren sich systemische Infektionen, da sich die Schaderreger mit dem aktiven Saftstrom in der gesamten Kultur verteilen und chronische Schäden verursachen.

Bonitur

Die Überwachung beginnt bereits bei den Mutterrebbeständen bzw. Muttergärten vor dem Edelreisschnitt im Herbst (BBCH 91 bis 97), um symptomtragende Pflanzen konsequent zu selektieren. Im Jungfeld erfolgt das Monitoring primär während des Austriebs (BBCH 09 bis 13) auf Kümmerwuchs und im Spätsommer (BBCH 81 bis 89), wenn Virussymptome (wie Blattrollkrankheit oder Vergilbungen) auf den Blättern am deutlichsten sichtbar werden. Verdächtige Chargen müssen mittels molekularbiologischer Verfahren (PCR oder ELISA) in akkreditierten Laboren auf latente Schaderreger untersucht werden, da eine rein visuelle Bonitur oft unzureichend ist.

Symptome

Typische Symptome einer misslungenen oder infizierten Veredelung sind eine unvollständige oder wulstige Kallusbildung an der Veredelungsstelle, die leicht bricht. Betroffene Kulturen zeigen einen verzögerten Austrieb, Kümmerwuchs, vorzeitige Herbstfärbung der Blätter (Rot- oder Gelbverfärbung) sowie schlaffe, ungenügend verholzte Triebe. Bei bakterieller Infektion (z. B. durch den Erreger des Mauke-Krebses) bilden sich tumorartige Wucherungen direkt an der Veredelungsnaht, die den Nährstofftransport blockieren.

Integriertes Management

Die Bekämpfung basiert konsequent auf präventiven, phytosanitären Maßnahmen, da eine direkte chemische Behandlung systemischer Schaderreger in der etablierten Kultur unmöglich ist. Essenziell ist die ausschließliche Verwendung von zertifiziertem, virus- und phytoplasmenfreiem Ausgangsmaterial (Vorstufen- oder zertifiziertes Pflanzgut). Eine Heißwasserbehandlung (z. B. 45 Minuten bei 50 °C für Reben) des Vermehrungsmaterials minimiert das Risiko einer Übertragung von Phytoplasmen und holzbesiedelnden Pilzen. Während des Veredelungsprozesses ist eine strikte Hygiene und Desinfektion der Werkzeuge zwingend erforderlich, um mechanische Übertragungen zu verhindern. Zudem müssen physikalische Stressfaktoren im Einschlag und im Feld minimiert werden, um die natürliche Abwehrkraft der Kultur zu stärken.

Häufige Fragen

Wie kann ich feststellen, ob eine Veredelungsunverträglichkeit oder eine virale Infektion vorliegt?

Eine visuelle Unterscheidung ist im Feld oft unmöglich, da beide Stressfaktoren ähnliche Symptome wie Kümmerwuchs und Blattverfärbungen hervorrufen. Gewissheit liefert nur ein molekularbiologischer Labortest (PCR) auf bekannte Viren und Phytoplasmen; bleibt dieser negativ, liegt meist eine physiologische Inkompatibilität der Partner oder ein mechanischer Veredelungsfehler vor.

Welche Rolle spielt das BBCH-Stadium bei der Entnahme von Edelreisern?

Edelreiser und Unterlagen müssen zwingend in der tiefen Vegetationsruhe (BBCH 00, meist zwischen Dezember und Februar) geschnitten werden. Ein zu später Schnitt bei bereits einsetzendem Saftfluss mindert die Anwachsrate drastisch und erhöht das Risiko für Pilzinfektionen an den Schnittflächen.

Kann eine Heißwasserbehandlung alle Schaderreger bei der Veredelung eliminieren?

Nein, die Heißwasserbehandlung (z. B. 50 °C für 45 Minuten) ist hochwirksam gegen Phytoplasmen (wie die Goldgelbe Vergilbung) und bestimmte holzbesiedelnde Pilze sowie Bakterien. Viele Viren und bakterielle Sporen überstehen diese Temperaturen jedoch schadlos, weshalb sie kein Ersatz für zertifiziert gesundes Ausgangsmaterial ist.

Wie finde ich im Pflanzenschutz-Hub registrierte Pflanzenschutzmittel zur Desinfektion von Veredelungswerkzeugen?

Suchen Sie im Hub gezielt nach Anwendungen in der Kategorie "Hygienemaßnahmen" oder "Desinfektion". Da es sich bei Werkzeugdesinfektionen nicht um klassische Indikationen am Feld handelt, sind diese oft unter spezifischen BVL-Zulassungen für den gärtnerischen Bereich oder als Biozide gelistet.

Warum führt Trockenstress nach dem Pflanzen zu vermehrtem Ausfall veredelter Kulturen?

Die Veredelungsstelle stellt in den ersten Monaten eine physiologische Barriere dar, da die Leitbahnen (Xylem) noch nicht vollständig regeneriert sind. Trockenstress in den BBCH-Stadien 11 bis 15 führt dazu, dass die Transpiration des Edelreises den eingeschränkten Wassertransport über die unvollständige Veredelungsnaht übersteigt, was zum schnellen Vertrocknen des Reises führt.