Arguta-Kiwi
Actinidia arguta (EPPO-Code: ATIAR), im deutschsprachigen Raum meist als Bayern-Kiwi, Kiwai oder scharfzähniger Strahlengriffel bezeichnet, gewinnt im mitteleuropäischen Erwerbsobstbau zunehmend an Bedeutung. Im Gegensatz zur klassischen großfrüchtigen Kiwi (Actinidia deliciosa) zeichnet sich diese Kultur durch eine hervorragende Frosthärte des Holzes von bis zu -30 °C aus. Die unbehaarten, mundgerechten Früchte können direkt mit der Schale verzehrt werden, was sie zu einem hochattraktiven Nischenprodukt für den Frischmarkt macht.
Die Kultur stellt als zweihäusige, stark wachsende Kletterpflanze besondere Anforderungen an das Erziehungssystem und das Kulturmanagement. Für einen erfolgreichen Erwerbsanbau ist die Etablierung stabiler T-Spalier- oder Pergolakonstruktionen zwingend erforderlich. Zudem muss ein ausgewogenes Verhältnis von weiblichen Ertragspflanzen zu männlichen Bestäubern (üblicherweise 6:1 bis 8:1) eingeplant werden, um eine ausreichende Befruchtung und damit hohe Erträge sowie Fruchtqualitäten zu sichern.
Trotz der hohen Frosttoleranz im Winter ist die Kultur im Frühjahr extrem spätfrostgefährdet, da der Austrieb sehr zeitig erfolgt. Standorte mit hoher Spätfrosthäufigkeit erfordern daher zwingend Frostschutzmaßnahmen wie eine Überkronenberegnung, um Ernteausfälle zu vermeiden.
Bodenmanagement
Die Kultur bevorzugt humusreiche, gut durchlässige und tiefgründige Böden im schwach sauren pH-Bereich. Aufgrund der flach streichenden Wurzeln ist Actinidia arguta extrem empfindlich gegenüber Staunässe, die schnell zu Wurzelfäule führt, verträgt aber ebenso wenig langanhaltende Trockenheit. Eine kontinuierliche, tropfenweise Bewässerung ist daher im professionellen Anbau unverzichtbar. Zur Regulierung des Wasserhaushalts und zur Unterdrückung von Beikräutern hat sich das Mulchen des Pflanzstreifens mit organischem Material oder der Einsatz von Mulchfolien bewährt. Eine vorsichtige mechanische Bodenbearbeitung ist nur sehr flach durchzuführen, um das empfindliche Wurzelsystem nicht zu beschädigen. Kalkhaltige Böden mit einem pH-Wert über 7,0 sollten gemieden werden, da sie Eisenchlorosen induzieren.
Schaderreger-Management
Der Pflanzenschutz bei Actinidia arguta konzentriert sich primär auf die Vermeidung von Pilzinfektionen und bakteriellen Erkrankungen. Die bedeutendste Pilzkrankheit ist die Grauschimmelfäule (Botrytis cinerea), welche insbesondere in feuchten Blüteperioden und zur Erntezeit die Früchte gefährdet; hier sind vorbeugende Laubarbeiten zur besseren Durchlüftung der Kultur entscheidend. Gegen tierische Schaderreger wie die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) müssen engmaschige Monitoring-Systeme und gegebenenfalls Netzeingrenzungen etabliert werden, da die dünnschaligen Früchte kurz vor der Ernte hochgradig attraktiv für diesen Schädling sind. Bakterielle Infektionen durch Pseudomonas syringae pv. actinidiae (Psa) stellen eine ernsthafte Bedrohung dar und erfordern strenge Hygiene beim Schnitt sowie den Einsatz kupferhaltiger Pflanzenschutzmittel bei feuchter Witterung im Herbst und Frühjahr. Ein konsequenter Winterschnitt im späten Winter (Januar/Februar) minimiert zudem das Risiko von Saftbluten und Eintrittspforten für Schaderreger.
Sorten
Weiki
Mitte bis Ende OktoberSehr ertragreich und regelmäßig, gilt als ertragssicherste Sorte für den Erwerbsanbau.
Resistent gegen: Winterfrost
Anfällig für: Spätfrost, Botrytis
Bayerische Züchtung (TU München-Weihenstephan), hervorragende Frosthärte, rote Backen bei Sonneneinstrahlung.
Ken's Red
Anfang bis Mitte OktoberMittelhoher bis hoher Ertrag, neigt bei Überbehang zu kleineren Früchten.
Anfällig für: Spätfrost, Botrytis, Kirschessigfliege
Neuseeländische Sorte mit attraktivem, komplett dunkelrotem Fruchtfleisch und süß-säuerlichem Aroma.
Issai
SeptemberFrüh einsetzende Erträge, jedoch insgesamt geringeres Ertragspotenzial als zweihäusige Sorten.
Anfällig für: Trockenheit, Spätfrost, Spinnmilben
Japanische, schwachwüchsige Sorte, die sich auch für kleinere Erziehungssysteme eignet; bedingt selbstfruchtbar.
Geneva
Anfang bis Mitte SeptemberGute, regelmäßige Erträge mit früh einsetzender Reife.
Resistent gegen: Winterfrost
Anfällig für: Spätfrost, Botrytis
US-amerikanische Selektion mit exzellentem, honigsüßem Aroma und rötlicher Ausfärbung bei Sonneneinstrahlung.
Wichtige Schaderreger
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie lässt sich das Risiko von Spätfrostschäden im Frühjahr im Erwerbsanbau minimieren?
Da Actinidia arguta sehr früh austreibt (oft schon im März), sind Spätfröste die größte Gefahr für den Ertrag. Neben der Standortwahl (Vermeidung von Senken) ist die Installation einer Überkronenberegnung die effektivste direkte Abwehrmethode. Alternativ können im professionellen Anbau Frostkerzen oder Windmaschinen eingesetzt werden, um die Lufttemperatur über dem kritischen Gefrierpunkt von -1,5 °C zu halten.
Welche Rolle spielt das Geschlechterverhältnis bei der Pflanzungsplanung von Bayern-Kiwis?
Da die meisten kommerziellen Sorten zweihäusig (diözisch) sind, ist eine gezielte Verteilung von männlichen Bestäuberpflanzen essenziell. Im Erwerbsanbau hat sich ein Verhältnis von 1:6 bis 1:8 (männlich zu weiblich) bewährt. Die männlichen Pflanzen (z. B. die Sorte 'Bayern-Bestäuber') müssen strategisch so in den Reihen verteilt werden, dass der Wind und bestäubende Insekten den Pollen optimal auf die weiblichen Blüten übertragen können.
Wie unterscheidet sich der Schnitt von Actinidia arguta von dem klassischer Weinreben?
Der Schnitt erfolgt zweiphasig: Ein starker Winterschnitt im Januar/Februar (vor dem Saftstrom) legt das Grundgerüst fest, indem abgetragene Fruchtruten auf kurze Zapfen (2-3 Augen) zurückgesetzt werden. Im Sommer (Juni bis August) ist ein intensiver Sommerschnitt (Laubarbeit) notwendig, bei dem lange, vegetativ wachsende Peitschen eingekürzt werden, um Licht an die Früchte zu lassen und das Risiko von Botrytis-Infektionen durch verbesserte Abtrocknung zu senken.
Wann ist der optimale Erntezeitpunkt für den Frischmarkt und wie wird die Pflanzenschutz-Wartezeit berücksichtigt?
Die Früchte reifen ungleichmäßig und werden für den Erwerbsanbau meist im Zustand der Pflückreife geerntet, wenn die ersten Früchte weich werden und der Zuckergehalt bei mindestens 7-8 % Brix liegt. Sie reifen nach der Ernte im Kühllager nach. Bei späten Pflanzenschutzanwendungen gegen Botrytis oder Schädlinge muss die gesetzliche Wartezeit (PHI) zwingend eingehalten werden, weshalb späte Behandlungen kurz vor der Ernte vermieden und durch kulturtechnische Maßnahmen ersetzt werden sollten.
Wie kann das Risiko einer Einschleppung von Pseudomonas syringae pv. actinidiae (Psa) im Betrieb minimiert werden?
Psa ist eine verheerende bakterielle Erkrankung. Zur Prävention dürfen nur zertifizierte, pathogenfreie Jungpflanzen gepflanzt werden. Schnittwerkzeuge müssen beim Wechsel von Pflanze zu Pflanze konsequent desinfiziert werden (z. B. mit Alkohol oder speziellen Desinfektionsmitteln). Nach dem Schnitt oder nach Hagelereignissen empfiehlt sich eine vorbeugende Behandlung mit zugelassenen kupferhaltigen Pflanzenschutzmitteln, um offene Wunden rasch zu schützen.
Wie finde ich im Agronomie-Hub zugelassene Pflanzenschutzmittel gegen Botrytis cinerea für diese Kultur?
Da Actinidia arguta in Deutschland oft als Sonderkultur unter die Lückenindikation (Artikel 51 VO (EG) 1107/2009) fällt, sollten Sie im Hub gezielt nach Anwendungen für 'Kiwibeere' oder 'Schalenobst' filtern. Achten Sie darauf, die spezifischen Auflagen zur Aufwandmenge, den maximalen Anwendungen pro Saison und den BBCH-Stadien einzuhalten, die für diese Indikationen im Register hinterlegt sind.