Botrytis cinerea
Botrytis cinerea (EPPO-Code: BOTRCI) ist ein weltweit verbreiteter, nekrotropher Schlauchpilz, der als Erreger der Graufäule (oder des Grauschimmels) an einer Vielzahl wirtschaftlich bedeutender Kulturen massive Schäden verursacht. Der Schaderreger besitzt ein extrem breites Wirtsspektrum, das sowohl Sonderkulturen wie Weinreben (Vitis vinifera) und Erdbeeren (Fragaria x ananassa) als auch diverse Gemüse- und Zierpflanzenarten umfasst. Durch den Befall von Blüten, Früchten, Blättern und Trieben führt der Pilz zu erheblichen Ertragseinbußen und Qualitätsverlusten, sowohl im Freiland als auch unter Glas.
Die ökonomische Relevanz von Botrytis cinerea ist außerordentlich hoch. Neben direkten Ertragsverlusten auf dem Feld oder im Gewächshaus verursacht der Erreger oft schleichende Nacherntefäulen, die erst während des Transports oder der Lagerung sichtbar werden und ganze Chargen unverkäuflich machen können. Im Weinbau kann der Pilz je nach Infektionszeitpunkt und Witterung entweder als gefürchtete Rohfäule die Erntemenge dezimieren oder unter spezifischen klimatischen Bedingungen als Edelfäule (Botrytis-Wein) erwünscht sein – letzteres stellt jedoch eine hochspezifische Ausnahme dar.
Aufgrund seiner ausgeprägten Anpassungsfähigkeit, der Fähigkeit zur saprophytischen Lebensweise und der enormen Sporenproduktion gehört dieser Schaderreger zu den am schwierigsten zu kontrollierenden pilzlichen Pathogenen im modernen Pflanzenbau.
Biologie / Lebenszyklus
Der Pilz überwintert als widerstandsfähiges Sklerotium oder als Myzel in Pflanzenrückständen auf oder im Boden. Im Frühjahr bilden sich bei feucht-warmer Witterung Konidienträger, die unzählige Konidien (Sporen) abschnüren, welche durch Wind, Regenspritzer oder Arbeitsgeräte verbreitet werden. Die Keimung der Sporen erfordert einen freien Wasserfilm oder eine sehr hohe relative Luftfeuchtigkeit (über 90 %) und erfolgt bevorzugt über natürliche Öffnungen, Wunden oder alterndes Gewebe wie absterbende Blütenblätter. Nach erfolgreicher Infektion besiedelt das Myzel das Wirtsgewebe rasant, tötet es durch die Abgabe von Toxinen und Enzymen ab und bildet innerhalb weniger Tage einen neuen, grauen Sporenrasen, der für sekundäre Infektionszyklen während der gesamten Vegetationsperiode sorgt.
Bonitur
Die Überwachung des Schaderregers muss frühzeitig beginnen, insbesondere ab den empfindlichen BBCH-Stadien der Blüte (z. B. BBCH 57 bis 69 bei Erdbeeren und Weinreben), da infizierte Blütenblätter oft als Infektionsquelle für die spätere Fruchtfäule dienen. Ein systematisches Monitoring basiert auf der regelmäßigen Kontrolle von Knospen, Blütenorganen und dichten Laubwandbereichen auf erste Verfärbungen oder beginnenden Pilzrasen, besonders nach langanhaltenden Niederschlägen und bei Temperaturen zwischen 15 °C und 22 °C. Da es für Botrytis cinerea aufgrund seiner Allgegenwärtigkeit kaum feste ökonomische Schadschwellen gibt, dienen meteorologische Daten und computergestützte Prognosemodelle (welche Blattnässedauer und Temperatur korrelieren) als primäre Entscheidungshilfe für den gezielten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.
Symptome
Das auffälligste Symptom ist der dichte, mausgraue, staubende Sporenrasen (Konidienträger und Konidien), der sich auf infizierten Pflanzenteilen wie Blüten, Früchten, Blättern und Stängeln bildet. An Blättern entstehen oft vom Blattrand ausgehende, V-förmige, braune, nekrotische Flecken, die sich rasch vergrößern. Befallene Blüten verbräunen und sterben vorzeitig ab, während unreife Früchte meist eine weiche, hellbraune Fäule zeigen, die sich schnell ausbreitet und die Frucht komplett einschrumpfen lässt. An Stängeln und Trieben (insbesondere bei Tomaten im Gewächshaus) führt der Befall zu eingesunkenen, hellbraunen bis grauen Krebsgallen oder Stängelfäulen, die den Saftstrom unterbrechen und zum Welken der darüber liegenden Pflanzenteile führen.
Integriertes Management
Die Bekämpfung von Botrytis cinerea erfordert ein konsequentes, integriertes Pflanzenschutzkonzept. Kulturtechnische Maßnahmen stehen im Vordergrund: Dazu gehören eine weite Standweite, eine ausgewogene, nicht stickstoffbetonte Düngung zur Vermeidung von mastigem Gewebe sowie eine konsequente Laubarbeit (z. B. Entlaubung der Traubenzone im Weinbau), um ein rasches Abtrocknen der Kulturen zu gewährleisten. Biologische Maßnahmen umfassen den präventiven Einsatz von Antagonisten wie Bacillus subtilis oder Aureobasidium pullulans während der Blüte. Chemische Pflanzenschutzmittel (Botrytizide) müssen gezielt und präventiv in den kritischen BBCH-Stadien appliziert werden. Um der extrem hohen Resistenzgefährdung des Erregers entgegenzuwirken, ist ein striktes Resistenzmanagement nach den FRAC-Richtlinien zwingend erforderlich; dies beinhaltet den konsequenten Wirkstoffklassenwechsel (z. B. zwischen SDHI, Fludioxonil, Fenhexamid und Anilinopyrimidinen) und die Einhaltung der maximalen Anzahl an Anwendungen pro Saison.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie kann ich im Pflanzenschutzmittel-Hub gezielt nach zugelassenen Botrytiziden für meine spezifische Kultur suchen?
Navigieren Sie im Hub zum Bereich „Pflanzenschutzmittel“ und filtern Sie die Datenbank nach dem Schaderreger Botrytis cinerea (oder dem EPPO-Code BOTRCI) sowie Ihrer spezifischen Kultur (z. B. Erdbeere oder Weinrebe). Achten Sie darauf, die Filter für das jeweilige BBCH-Stadium und die einzuhaltende Wartezeit (PHI) zu aktivieren, um nur für Ihre aktuelle Situation zugelassene Präparate angezeigt zu bekommen.
Warum ist die Behandlung während der Blüte (BBCH 61–69) so entscheidend für die spätere Fruchtqualität bei Erdbeeren?
Der Pilz infiziert bevorzugt die alternden Blütenblätter (Petalen), die eine ideale Nährstoffquelle für die Keimung der Sporen darstellen. Von dort aus wächst das Myzel latent und symptomlos in den Blütenboden hinein; erst mit zunehmender Fruchtreife und steigendem Zuckergehalt bricht die Fäule aus, weshalb Anwendungen zur Blütezeit den Grundstein für gesunde Früchte legen.
Welche Rolle spielen Wunden bei der Infektion von Tomatenstängeln im Gewächshaus und wie beugt man vor?
Wunden, die durch das Ausgeizen oder Entblättern entstehen, sind die Haupteintrittspforten für Botrytis cinerea. Um Infektionen zu minimieren, sollten diese Arbeiten nur bei trockener Witterung und zügig abtrocknendem Bestand durchgeführt werden, wobei saubere Schnitte dicht am Stängel anzustreben sind, um keine langen Gewebestumpen zu hinterlassen.
Wie unterscheidet sich die Wirkung von biologischen Präparaten (z. B. auf Basis von Bacillus-Stämmen) von chemischen Botrytiziden?
Biologische Präparate wirken meist kompetitiv, indem sie die Infektionswege (z. B. auf der Blütenoberfläche) besiedeln und dem Erreger Nährstoffe und Platz entziehen, oder sie stimulieren die pflanzliche Eigenabwehr. Sie müssen daher zwingend rein präventiv und oft in kürzeren Abständen als chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel appliziert werden, bieten dafür aber den Vorteil, dass sie keine Rückstandsproblematik und meist keine Wartezeit aufweisen.
Was versteht man unter dem FRAC-Konzept zur Vermeidung von Resistenzen bei Botrytis?
Da Botrytis cinerea ein extrem hohes Risiko für die Entwicklung von Fungizidresistenzen besitzt, empfiehlt das Fungicide Resistance Action Committee (FRAC), Wirkstoffe mit unterschiedlichen Wirkmechanismen (z. B. SDHI, Anilinopyrimidine, Strobilurine) im Spritzprogramm konsequent abzuwechseln oder als fertige Kombinationspartner einzusetzen, um den Selektionsdruck auf einzelne Wirkstoffklassen zu minimieren.
Welchen Einfluss hat die Stickstoffdüngung auf die Anfälligkeit der Kulturen gegenüber Grauschimmel?
Eine übermäßige Stickstoffversorgung führt zu einem mastigen, weichen Pflanzengewebe mit dünneren Zellwänden und fördert ein dichtes, üppiges Laubdach. Dies schafft ein feuchtes Mikroklima innerhalb der Kultur und erleichtert es dem Pilz, die mechanischen Barrieren der Kultur zu durchdringen und sich rasch auszubreiten.