Kamille-Arten
Kamille-Arten (Matricaria sp., EPPO-Code: MATSS), insbesondere die Echte Kamille (Matricaria chamomilla), besitzen als traditionsreiche Arznei- und Gewürzpflanzen einen hohen Stellenwert im professionellen Vertragsanbau Mitteleuropas. Die einjährigen Korbblütler werden primär wegen ihrer wertvollen Inhaltsstoffe – darunter ätherische Öle wie Chamazulen und Bisabolol sowie entzündungshemmende Flavonoide – kultiviert. Der Anbau erfordert ein hohes Maß an pflanzenbaulichem Fingerspitzengefühl, da die Kultur in der frühen Entwicklungsphase konkurrenzschwach ist.
Da es sich bei Kamille-Arten um ausgeprägte Lichtkeimer handelt, stellt die Saatbettbereitung die größte Herausforderung dar. Die Etablierung kann sowohl im Spätsommer (Herbstsaat) als auch im zeitigen Frühjahr erfolgen. Ein gleichmäßiger Feldaufgang und eine präzise Unkrautregulierung in den ersten BBCH-Stadien sind entscheidend, um dichte, mechanisch gut beerntbare Bestände zu etablieren. Die Ernte erfolgt im Sommer mit spezialisierten Pflückmaschinen, sobald der Großteil der Blütenköpfe den optimalen Wirkstoffgehalt erreicht hat.
Bodenmanagement
Kamille stellt mittlere Ansprüche an den Boden, bevorzugt jedoch gut strukturierte, humose Lehm- und sandige Lehmböden mit guter Wasserführung. Da es sich um einen extremen Lichtkeimer handelt, ist ein feinkrümeliges, gut rückverfestigtes Saatbett ohne tiefe Spuren essenziell. Die flache Saat (0–0,5 cm) erfordert eine sorgfältige Steuerung des Bodenfeuchtehaushalts unmittelbar nach der Aussaat. Eine moderate Stickstoffdüngung von insgesamt 40–60 kg N/ha sichert das Ertragspotenzial, ohne das vegetative Wachstum übermäßig zu fördern oder die Standfestigkeit zu gefährden. Zu hohe Stickstoffgaben können zudem den Gehalt an ätherischen Ölen negativ beeinflussen und das Risiko für Lager erhöhen.
Schaderreger-Management
Aufgrund der Einstufung als Sonderkultur ist die Auswahl an zugelassenen Pflanzenschutzmitteln stark limitiert, weshalb vorbeugende Maßnahmen und mechanische Verfahren im Vordergrund stehen. Zu den wichtigsten Schaderregern gehören der Echte Mehltau (Erysiphe heraclei) und die Kamillen-Blütenfäule, die insbesondere in feuchten Jahren ertragsmindernd wirken. Unter den tierischen Schädlingen können Blattläuse sowie die Kamillengallmücke (Rhopalomyia syngenesiae) nennenswerten Schaden anrichten. Die Unkrautregulierung erfolgt primär mechanisch durch Striegeln im frühen BBCH-Stadium und Hacken zwischen den Reihen, da chemische Herbizide nur sehr eingeschränkt zur Verfügung stehen und die Kultur empfindlich reagieren kann. Ein konsequentes Monitoring ab dem Schossen (BBCH 30) sichert den rechtzeitigen Einsatz von zugelassenen Pflanzenschutzmitteln oder mechanischen Maßnahmen vor der Blüte.
Sorten
Bodegold
mittelfrühSehr hoher Blütenertrag (ca. 1,5–1,8 t/ha Trockenmasse)
Tetraploide Sorte mit aufrechtem Wuchs, hervorragend für die mechanische Ernte geeignet. Zeichnet sich durch große Blütenköpfe aus.
Bona
früh bis mittelfrühStabiler Ertrag mit hoher Wirkstoffkonzentration
Diploide Sorte mit sehr gleichmäßiger Blüte, was den optimalen Erntezeitpunkt erleichtert. Hoher Anteil an ätherischem Öl.
Zloty Lan
mittelspätSehr ertragsstark, hoher Anteil an Chamazulen
Tetraploide, wuchskräftige Sorte aus polnischer Züchtung. Sehr gut angepasst an mitteleuropäische Standortbedingungen.
Manzana
mittelfrühHoher Blütenertrag bei Spitzenqualität für die pharmazeutische Industrie
Tetraploide Sorte, speziell gezüchtet für hohen Wirkstoffgehalt (Bisabolol-Typ). Sehr standfest.
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie unterscheidet sich die Keimdynamik bei Herbst- gegenüber Frühjahrssaat?
Die Herbstsaat nutzt die Restfeuchte des Spätsommers und läuft meist rascher und gleichmäßiger auf. Die Pflanzen überwintern als Rosette (BBCH 12–19), was ihnen im Frühjahr einen deutlichen Entwicklungsvorsprung und eine bessere Konkurrenzkraft gegen Unkräuter verschafft. Frühjahrssaaten sind hingegen stark von Vorsommertrockenheit bedroht und erfordern ein perfekt rückverfestigtes Saatbett, um den Kapillaranschluss zu sichern.
Wann ist der optimale Erntezeitpunkt für die Gewinnung von pharmazeutisch nutzbaren Blüten?
Der optimale Zeitpunkt liegt vor, wenn etwa zwei Drittel der Blütenköpfe in einem Bestand voll aufgeblüht sind (BBCH 65 bis 67). Zu diesem Zeitpunkt ist die Konzentration an ätherischen Ölen (insbesondere Chamazulen) am höchsten. Eine zu späte Ernte führt zu überreifen Blüten, die beim Trocknen leicht zerfallen (sogenannter Grießanteil) und an Qualität verlieren.
Welche Rolle spielt die mechanische Unkrautregulierung im BBCH-Stadium 12 bis 14?
In diesem frühen Stadium ist die Kamille extrem empfindlich. Ein Blindstriegeln kurz vor dem Auflaufen ist möglich, erfordert aber höchste Präzision. Ab dem Erscheinen der ersten Laubblätter (BBCH 12) kann bei trockenem Wetter ein sehr flacher Striegeleinsatz erfolgen, um Keimfäden von Unkräutern zu verschütten. Zwischenreihenhacken ist erst ab einer deutlichen Reihenerkennbarkeit (ab BBCH 14–16) sicher durchführbar.
Wie finde ich im Online-Portal zugelassene Pflanzenschutzmittel für Kamille als Sonderkultur?
Da Kamille zu den Sonderkulturen (Arznei- und Gewürzpflanzen) gehört, sind viele Anwendungen über Indikationszulassungen nach Artikel 51 VO (EG) 1107/2009 (Geringfügige Verwendung) geregelt. Suchen Sie in unserer Datenbank gezielt nach dem Kulturfilter 'Kamille' oder 'Arzneipflanzen' und prüfen Sie stets die aktuellen Anwendungsbestimmungen und Wartezeiten (PHI), da diese sich von Großkulturen stark unterscheiden.
Welche Fruchtfolgebeschränkungen müssen beim Anbau von Matricaria-Arten beachtet werden?
Kamille ist mit sich selbst und anderen Asteraceen (z. B. Sonnenblumen, Salat) nur bedingt verträglich. Um die Anreicherung von bodenbürtigen Schaderregern wie Sclerotinia-Arten zu verhindern, sollte eine Anbaupause von mindestens 3 bis 4 Jahren eingehalten werden. Zudem hinterlässt Kamille durch Samenausfall oft einen hohen Unkrautdruck im Folgejahr, weshalb nachfolgend gut zu reinigende Kulturen (z. B. Getreide oder Hackfrüchte) stehen sollten.
Wie beeinflusst die Trocknungstemperatur die Qualität der geernteten Blüten?
Unmittelbar nach der Ernte muss die Kamille innerhalb von 2 Stunden der Trocknung zugeführt werden, um Fermentationsprozesse zu verhindern. Die optimale Trocknungstemperatur liegt bei maximal 35 bis 40 °C. Höhere Temperaturen führen zu einer schnellen Verflüchtigung der wertvollen ätherischen Öle und mindern die pharmazeutische Qualität der Droge drastisch.