Kolbenhirse
Die Kolbenhirse (Setaria italica, EPPO-Code: SETIT), auch bekannt als Fench oder Italienische Borstenhirse, gehört zu den ältesten Kulturformen der Rispenhirsen und gewinnt im mitteleuropäischen Raum zunehmend an Bedeutung als Zweitfrucht, Futterpflanze sowie im Nischenanbau für die Vogelfutterproduktion. Als C4-Kultur zeichnet sie sich durch eine extrem hohe Wassernutzungseffizienz aus und liefert auch auf leichteren Standorten unter sommerlicher Trockenheit stabile Erträge.
Botanisch gesehen bildet die Kultur kompakte, kolbenartige Scheinähren aus, die sich deutlich von der Rispenhirse unterscheiden. Die Jugendentwicklung verläuft im Vergleich zu Mais oder Getreide relativ langsam, weshalb ein warmer, unkrautfreier Boden zur Aussaat essenziell ist. Sobald die Kultur jedoch etabliert ist, kompensiert sie die späte Aussaat durch ein rasantes vegetatives Wachstum im Hochsommer.
In der landwirtschaftlichen Praxis wird Setaria italica sowohl zur Körnergewinnung als auch zur Ganzpflanzensilage (GPS) genutzt. Durch die kurze Vegetationszeit eignet sie sich hervorragend als späte Zweitfrucht nach früh räumendem Wintergetreide, wodurch sie einen wertvollen Beitrag zur Diversifizierung von Fruchtfolgen und zur Humusbildung leistet.
Bodenmanagement
Die Kultur stellt geringe Ansprüche an den Boden, bevorzugt jedoch gut erwärmbare, mittelschwere Böden mit guter Struktur. Da die feinen Samen flach abgelegt werden müssen (1,5–2,5 cm), ist ein feinkrümeliges, gut rückverfestigtes Saatbett zwingend erforderlich, um den Bodenschluss zu sichern. Staunässe und kalte, schwere Tonböden sind für den Anbau ungeeignet und führen zu erheblichen Feldaufgängen. Eine moderate Stickstoffdüngung von 60–80 kg N/ha ist meist ausreichend, da ein Überangebot die Standfestigkeit mindert und die Abreife verzögert. Nach der Ernte empfiehlt sich eine flache Stoppelbearbeitung, um Ausfallhirse zu stimulieren und das Feld für die Folgefrucht vorzubereiten.
Schaderreger-Management
Aufgrund der langsamen Jugendentwicklung ist die mechanische oder chemische Unkrautregulierung im frühen BBCH-Stadium 12 bis 14 entscheidend für den Ertragserfolg. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist in dieser Nischenkultur stark reglementiert; es müssen die aktuellen Zulassungen nach § 22 Abs. 2 PflSchG (Gefahr im Verzug / Lückenindikation) beachtet werden. Als Schaderreger treten primär pilzliche Erreger wie der Hirsebrand (Ustilago crameri) oder Blattfleckenkrankheiten auf, die durch zertifiziertes, gebeiztes Saatgut effektiv kontrolliert werden. Tierische Schädlinge wie die Fritfliege oder der Maiszünsler können in warmen Jahren lokal auftreten, erfordern jedoch nur selten eine gezielte chemische Behandlung. Eine weite Fruchtfolge mit mindestens dreijähriger Anbaupause zu anderen Gräsern und Mais minimiert das Risiko einer Erregeranreicherung im Boden nachhaltig.
Sorten
Anka
mittelfrühSehr ertragsstabil bei der Körnernutzung (3,0–4,0 t/ha), standfest.
Resistent gegen: Lagerung, Dürre
Anfällig für: Spätfröste
Die in Deutschland am weitesten verbreitete Sorte für die Vogelfutter- und Speisehirseproduktion.
Redas
mittelspätGute Kornerträge mit hohem Tausendkorngewicht (TKG).
Resistent gegen: Hirsebrand
Anfällig für: Lagerung, Vogelfraß
Besonders attraktiv für die Heimtierfutterindustrie aufgrund der intensiv roten Kornfarbe.
Leonies
frühSichere Abreife auch in kühleren Lagen, leicht unterdurchschnittlicher Ertrag.
Resistent gegen: Kälte in der Jugendphase
Anfällig für: Blattfleckenkrankheit
Hervorragend geeignet als späte Zweitfrucht nach Wintergerste im nördlichen Mitteleuropa.
Biserka
mittelfrühHoher Biomasseertrag, ideal für die Nutzung als Ganzpflanzensilage.
Resistent gegen: Stängelbruch
Anfällig für: Hirsebrand
Mehrzwecksorte, die sowohl für die Futternutzung als auch zur Biogasproduktion angebaut wird.
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie unterscheidet sich die Herbizidstrategie bei Kolbenhirse von anderen Getreidearten?
Da Kolbenhirse botanisch zu den echten Gräsern gehört, ist die Bekämpfung von Schadgräsern im Nachauflauf extrem schwierig, da die meisten selektiven Graminizide auch die Kultur schädigen. Die Unkrautregulierung muss daher primär im Vorauflauf oder durch ein sorgfältiges "Falsches Saatbett" vor der Aussaat erfolgen. Für chemische Maßnahmen müssen zwingend die aktuellen Indikationszulassungen für Hirse in Deutschland geprüft werden, da nur sehr wenige Pflanzenschutzmittel eine reguläre Zulassung besitzen.
Ab welchem BBCH-Stadium ist eine mechanische Unkrautbekämpfung mittels Striegel oder Hacke sicher durchführbar?
Ein Blindstriegeln kurz nach der Saat ist möglich, erfordert jedoch präzises Arbeiten. Nach dem Auflaufen sollte der erste Striegeldurchgang erst ab dem BBCH-Stadium 13 bis 14 (3- bis 4-Blatt-Stadium) erfolgen, da die jungen Keimlinge davor extrem empfindlich gegen Verschütten und Entwurzeln sind. Ab diesem Stadium ist die Kultur ausreichend im Boden verankert, und auch der Einsatz von Reihenhackgeräten ist bei entsprechendem Reihenabstand (ab 37,5 cm) hochgradig effektiv.
Welche Rolle spielt die Bodentemperatur bei der Aussaat und wie wirkt sich ein zu früher Saattermin aus?
Als wärmeliebende C4-Kultur benötigt Kolbenhirse zur Keimung eine konstante Bodentemperatur von mindestens 12 °C, besser 14 °C. Wird zu früh in kalte Böden gesät, verharren die Samen im Boden, was zu starker Verpilzung, ungleichmäßigem Auflaufen und einer extremen Verunkrautung führt, da die Unkräuter den Wachstumsvorsprung nutzen. In Mitteleuropa ist ein Saattermin ab Mitte Mai (nach den Eisheiligen) pflanzenbaulich fast immer dem April vorzuziehen.
Wie kann das Risiko von Hirsebrand (Ustilago crameri) im professionellen Anbau minimiert werden?
Der Hirsebrand ist eine samenübertragbare Krankheit, die zu erheblichen Ertragsverlusten führen kann. Die wichtigste Vorbeugemaßnahme ist die ausschließliche Verwendung von zertifiziertem, gesundem Saatgut, das im Bedarfsfall mit einem zugelassenen Pflanzenschutzmittel gebeizt wurde. Zudem sollte eine strikte Fruchtfolge eingehalten werden, bei der mindestens drei Jahre lang keine Hirsearten auf derselben Fläche angebaut werden, um eine Anreicherung von Sporen im Boden zu verhindern.
Wie wird der optimale Erntezeitpunkt für die Körnernutzung bestimmt?
Die Ernte im Mähdrang erfolgt, wenn die Körner im mittleren Drittel des Kolbens die Teig- bis Vollreife erreicht haben (BBCH 85–89) und sich die Spindel gelb-braun verfärbt. Zu diesem Zeitpunkt weisen die Körner meist noch eine Feuchtigkeit von 18–22 % auf und müssen unmittelbar nach dem Drusch künstlich auf unter 14 % Restfeuchte heruntergetrocknet werden, um Schimmelbildung und Qualitätsverlusten im Lager vorzubeugen. Ein zu langes Warten erhöht das Risiko von Kornausfall durch Wind und Vogelfraß drastisch.
Wo finden Betriebsleiter aktuelle Informationen über zugelassene Pflanzenschutzmittel für diese Nischenkultur?
Da Kolbenhirse als "Minor Crop" (Lückenindikation) eingestuft ist, ändern sich die Zulassungen häufig. Aktuelle Informationen zu genehmigten Anwendungen nach Artikel 51 der Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 können direkt in der Online-Datenbank des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) oder über die regionalen Pflanzenschutzdienste der Bundesländer abgefragt werden.