Rebenzikade
Die Rebenzikade (Empoasca vitis, EPPO-Code: EMPOFL), auch als Hellgrüne Zwergzikade bekannt, ist ein bedeutender Schaderreger im europäischen Weinbau. Die saugenden Insekten gehören zur Familie der Zwergzikaden (Cicadellidae) und besiedeln vor allem die Weinrebe (Vitis vinifera), können aber auch an anderen Gehölzen überdauern. Durch ihre Saugtätigkeit an den Leitungsbahnen (Phloem) der Blätter beeinträchtigen sie den Saftstrom der Kultur erheblich, was zu deutlichen Ertragseinbußen und Qualitätsminderungen der Trauben führen kann.
Die wirtschaftliche Relevanz dieses Schädlings hat in den letzten Jahren, begünstigt durch milde Winter und warme Sommer, in vielen Weinbauregionen Mitteleuropas zugenommen. Ein starker Befall schwächt die Reben nachhaltig, stört die Holzreife und mindert die Frosthärte im folgenden Winter. Daher ist eine präzise Überwachung und gezielte Regulierung für professionelle Weinbaubetriebe unerlässlich.
Biologie / Lebenszyklus
Die Rebenzikade durchläuft in Mitteleuropa meist zwei, in warmen Jahren oder südlichen Regionen auch drei Generationen pro Jahr. Die Überwinterung erfolgt als adultes Insekt auf immergrünen Gehölzen wie Nadelbäumen, Efeu oder Brombeeren außerhalb der Rebanlagen. Im Frühjahr (ca. ab April, BBCH 09–13) wandern die adulten Zikaden in die Rebbestände ein und legen nach der Paarung ihre Eier in die Blattadern der jungen Rebenblätter. Nach etwa ein bis zwei Wochen schlüpfen die flügellosen Nymphen, die sich über fünf Stadien hinweg zu adulten Tieren der ersten Generation entwickeln, deren Populationsmaximum meist im Juni/Juli liegt. Die zweite Generation entwickelt sich im Hochsommer (August/September) und wandert im Herbst schließlich wieder in die Winterquartiere ab.
Bonitur
Ein systematisches Monitoring ist entscheidend, um den optimalen Zeitpunkt für eventuelle Pflanzenschutzmaßnahmen zu bestimmen. Ab dem Austrieb (BBCH 11–15) empfiehlt sich das Aufhängen von Gelbtafeln in der Traubenzone, um den Zuflug der adulten Zikaden zu überwachen. Für eine präzise Schadschwellenbestimmung ist jedoch die visuelle Kontrolle der Blattunterseiten im Bereich der mittleren Laubwand ab BBCH 53 (Gescheine sichtbar) maßgeblich. Die kritische Schadschwelle liegt im Frühsommer (erste Generation) meist bei etwa 1 bis 2 Nymphen pro Blatt (Untersuchung von mindestens 50 bis 100 Blättern pro Parzelle). Bei der zweiten Generation im Spätsommer kann die Toleranzgrenze je nach Vitalität der Kultur etwas höher angesetzt werden.
Symptome
Das Schadbild der Rebenzikade ist sehr charakteristisch und wird oft als "Verbrennung" oder "Randvergilbung" bezeichnet. Durch das Anstechen der Phloemzellen und das Injizieren von enzymhaltigem Speichel wird der Safttransport blockiert. Dies führt bei weißen Rebsorten zu einer typischen, scharf begrenzten Vergilbung der Blattränder, während sich die Blattränder roter Rebsorten intensiv rot verfärben. Die Symptome breiten sich sektorenförmig zwischen den Hauptadern aus, wobei die Blattadern selbst meist grün bleiben. Bei starkem Befall rollen sich die Blattränder nach unten ein, vertrocknen nekrotisch von außen nach innen und fallen vorzeitig ab, was die Photosyntheseleistung der Kultur drastisch reduziert.
Integriertes Management
Die Regulierung der Rebenzikade erfordert eine integrierte Strategie, die mechanische, biologische und chemische Maßnahmen kombiniert. Kulturmaßnahmen wie eine ausgewogene Stickstoffdüngung und eine luftige Laubwandgestaltung mindern die Attraktivität der Kultur für den Schaderreger und fördern das schnelle Abtrocknen. Biologisch spielen natürliche Gegenspieler wie Schlupfwespen der Gattung Anagrus (Eiparasitoide) sowie Raubwanzen und Spinnen eine herausragende Rolle; ihre Schonung durch den Verzicht auf breit wirksame Insektizide ist essenziell. Ist die Schadschwelle überschritten, können gezielte Anwendungen von zugelassenen Pflanzenschutzmitteln erfolgen. Um Resistenzen vorzubeugen, müssen Wirkstoffe mit unterschiedlichen IRAC-Wirkmechanismen im Wechsel eingesetzt werden, wobei die Behandlung primär gegen die empfindlichen jungen Nymphenstadien gerichtet sein sollte.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Alle Anwendungen ansehenHäufige Fragen
Wie unterscheide ich die Symptome der Rebenzikade von Kaliummangel oder Viruserkrankungen?
Im Gegensatz zu Kaliummangel, bei dem die Vergilbungen oder Rötungen eher diffus und gleichmäßig an den Blatträndern auftreten, sind die durch die Rebenzikade verursachten Verfärbungen scharf durch die Blattadern begrenzt (sektorenförmig). Bei Viruserkrankungen wie der Blattrollkrankheit rollen sich die Blätter meist gleichmäßiger ein und die Symptome treten oft großflächiger an der gesamten Rebe auf, während Zikadenschäden meist nesterweise oder an exponierten Laubwandbereichen beginnen. Zudem findest du bei Zikadenbefall fast immer die typischen weißen Häutungshemden (Exuvien) auf den Blattunterseiten.
Warum ist die Bekämpfung der ersten Generation wichtiger als die der zweiten Generation?
Die erste Generation im Frühsommer (Juni/Juli) trifft auf junge, hochaktive Blätter, die für die Einlagerung von Reservestoffen und das Beerenwachstum entscheidend sind. Ein früher Blattverlust schwächt die Kultur in einer kritischen Phase. Die zweite Generation tritt im Spätsommer auf, wenn die Traubenreife bereits weit fortgeschritten ist; zu diesem Zeitpunkt toleriert die Rebe einen moderaten Befall deutlich besser, weshalb die Schadschwellen dann höher liegen.
Welche Rolle spielen Eiparasitoide bei der natürlichen Regulierung und wie kann ich sie fördern?
Schlupfwespen der Gattung Anagrus sind hocheffiziente Gegenspieler, die die Eier der Rebenzikade parasitieren. Du kannst sie fördern, indem du artenreiche Begrünungen im Weinberg einsäst und angrenzende Hecken oder Saumstrukturen schonst, da diese den Nützlingen alternative Wirte für die Überwinterung bieten. Zudem solltest du beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln konsequent auf nützlingsschonende Präparate achten.
Wie finde ich im Agronomy-Hub die aktuell zugelassenen Pflanzenschutzmittel gegen diesen Schaderreger?
Nutze im Hub die Filterfunktion für Kulturen und wähle "Weinrebe" aus. Filtere anschließend in der Kategorie "Schaderreger" nach "Rebenzikade" oder direkt nach dem wissenschaftlichen Namen Empoasca vitis. Das System zeigt dir dann alle für deine Region aktuell zugelassenen Pflanzenschutzmittel inklusive der zugelassenen Aufwandmengen, Anwendungsbestimmungen und einzuhaltenden Wartezeiten an.
Warum wirken Behandlungen gegen adulte Zikaden oft unzureichend?
Adulte Rebenzikaden sind extrem mobil und fliegen bei der geringsten Störung oder beim Durchfahren der Gassen auf, wodurch sie dem Spritzfilm entgehen. Zudem besitzen sie eine robustere Kutikula als die Larvenstadien. Pflanzenschutzmittel-Anwendungen sollten daher gezielt dann durchgeführt werden, wenn sich die Population im empfindlichen Nymphenstadium (vor allem L1 bis L3) befindet, da diese flugunfähig sind und direkt getroffen werden.
Welchen Einfluss hat die Laubarbeit auf den Befallsdruck der Rebenzikade?
Eine sorgfältige und rechtzeitige Laubarbeit (Entblättern der Traubenzone, Ausgeizen) schafft ein luftiges Mikroklima in der Laubwand. Dies reduziert nicht nur die Luftfeuchtigkeit, die Zikadennymphen für ihre Entwicklung bevorzugen, sondern verbessert auch die Anlagerung und Benetzung von Pflanzenschutzmitteln auf den Blattunterseiten, falls eine Behandlung notwendig wird.