Reblaus
Die Reblaus (Daktulosphaira vitifoliae, EPPO-Code: VITEVI) ist einer der historisch und wirtschaftlich bedeutendsten Schaderreger im weltweiten Weinbau. Ursprünglich aus Nordamerika stammend, löste dieser winzige Saugschädling im 19. Jahrhundert eine existenzbedrohende Krise im europäischen Weinbau aus. Der Schädling befällt die Rebe (Vitis vinifera) und schädigt diese je nach Rebenart an den Blättern durch Gallenbildung oder an den Wurzeln, was letztlich zum Absterben der Kultur führen kann.
Heute ist die Reblaus in fast allen Weinbaugebieten der Welt verbreitet. Während die oberirdische Blattreblausform vor allem an amerikanischen Unterlagen und bestimmten Hybridreben auftritt, stellt die unterirdische Wurzelreblausform an unveredelten europäischen Reben die größte Gefahr dar. Die wirtschaftliche Relevanz ist nach wie vor extrem hoch, da ein Befall im wurzelechten Anbau unweigerlich zur Rodung der betroffenen Parzellen zwingt.
Biologie / Lebenszyklus
Der Lebenszyklus von Daktulosphaira vitifoliae ist äußerst komplex und umfasst sowohl oberirdische (Blattgallenbewohner) als auch unterirdische (Wurzelbewohner) Phasen. Im Frühjahr schlüpfen aus den im rissigen Holz der Rebstämme überwinterten Wintereiern die ersten Larven (Maigallenläuse), die an den jungen Blättern Gallen bilden. Im Sommer folgen mehrere Generationen von Gallenläusen, von denen ein Teil in den Boden abwandert, um als Wurzelreblaus an den Wurzeln zu saugen. Im Herbst entwickeln sich geflügelte Formen (Reblausfliegen), die ihre Eier an der Rinde ablegen, woraus die geschlechtliche Generation schlüpft, die wiederum das überwinternde Winterei produziert. Auf europäischen Reben (Vitis vinifera) läuft dieser Zyklus meist unvollständig ab, da sich die Läuse fast ausschließlich parthenogenetisch an den Wurzeln vermehren.
Bonitur
Ein systematisches Monitoring ist besonders in Junganlagen und Ertragsanlagen auf sandigen oder lehmigen Böden wichtig. Die visuelle Bonitur auf Blattgallen erfolgt ab dem Austrieb (BBCH 10 bis BBCH 53), insbesondere an den Triebspitzen von Unterlagenschnittgärten oder anfälligen Sorten. Zur Überwachung der Wurzelreblaus wird im Spätsommer (BBCH 79 bis BBCH 89) der Wurzelraum verdächtiger, im Wuchs zurückgebliebener Reben freigelegt, um nach den charakteristischen gelblichen Läusen und den knotigen Wurzeldeformationen (Nodositäten und Tuberositäten) zu suchen. Da es für die Wurzelreblaus keine wirtschaftlichen Schadschwellen gibt, gilt im wurzelechten Anbau eine Nulltoleranz, die sofortige Quarantänemaßnahmen erfordert.
Symptome
Die Symptome unterscheiden sich grundlegend nach dem Befallsort. An den Blättern (Blattreblaus) bilden sich auf der Blattunterseite erbsengroße, raue, grünliche bis rötliche Gallen, während die Blattoberseite nur eine kleine Öffnung zeigt. An den Wurzeln (Wurzelreblaus) führt die Saugtätigkeit zu zwei Arten von Deformationen: An jungen, unverholzten Wurzelspitzen entstehen hakenförmige, gelbliche Schwellungen (Nodositäten), während an älteren, verholzten Wurzeln knotige Verdickungen (Tuberositäten) auftreten. Letztere faulen infolge von Sekundärinfektionen durch Pilze und Bakterien ab, was zu Nährstoffmangel, Kümmerwuchs, herbstlicher Frühfärbung des Laubs und schließlich zum Absterben der gesamten Kultur führt.
Integriertes Management
Die wichtigste und effektivste Maßnahme des integrierten Pflanzenschutzes gegen die Wurzelreblaus ist der vorbeugende Anbau von Pfropfreben, bei denen die edle europäische Sorte auf eine reblausresistente amerikanische Unterlage veredelt wird. Eine direkte chemische Bekämpfung der Wurzelreblaus im Boden ist mit den derzeit zugelassenen Pflanzenschutzmitteln nicht möglich. Gegen die Blattreblaus in Unterlagenbeständen können bei Überschreiten von Schadbehandlungsschwellen gezielte Anwendungen von Insektiziden (z. B. systemische Wirkstoffe aus der IRAC-Gruppe 4 oder 23) durchgeführt werden. Um Resistenzen vorzubeugen, ist ein strikter Wirkstoffklassenwechsel einzuhalten. Zudem sollten befallene Pflanzenreste konsequent vernichtet und Hygienemaßnahmen bei der Bodenbearbeitung beachtet werden, um eine Verschleppung von Bodenpartikeln zu verhindern.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie kann ich im Farmable-Hub nach zugelassenen Pflanzenschutzmitteln gegen die Reblaus suchen?
Du kannst im Hub gezielt nach dem Schaderreger "Reblaus" (Daktulosphaira vitifoliae) filtern. Das System zeigt dir dann alle aktuell in deinem Land für die Kultur Weinrebe registrierten Pflanzenschutzmittel an. Achte bei der Auswahl auf die spezifischen Anwendungsbestimmungen und die zugelassenen BBCH-Stadien.
Warum sind sandige Böden weniger anfällig für einen Befall mit der Wurzelreblaus?
In sehr sandigen Böden können sich die feinen Gänge und Risse, die die Reblauslarven zur Fortbewegung im Boden nutzen, nicht stabil halten. Der Sand rieselt nach und blockiert ihre Wanderwege von Wurzel zu Wurzel. Daher können Reben auf extremen Sandböden oft auch ohne veredelte Unterlage (wurzelecht) angebaut werden.
Wann ist der optimale Zeitpunkt für eine Behandlung gegen die Blattreblaus in Unterlagenanlagen?
Eine Behandlung mit Pflanzenschutzmitteln ist nur bei der Blattreblausform in Vermehrungs- oder Unterlagenbeständen sinnvoll. Der optimale Zeitpunkt liegt im Frühjahr kurz nach dem Austrieb (BBCH 11 bis BBCH 15), wenn die ersten Maigallenläuse aus den Wintereiern schlüpfen und noch keine geschlossenen Gallen gebildet haben, da sie in diesem Stadium direkt vom Wirkstoff erfasst werden können.
Was ist der Unterschied zwischen Nodositäten und Tuberositäten und warum ist er für meine Kultur so wichtig?
Nodositäten sind Schwellungen an jungen, unverholzten Wurzeln. Sie beeinträchtigen die Rebe meist nur temporär. Tuberositäten hingegen bilden sich an älteren, verholzten Wurzeln. Sie sind für europäische Kulturen fatal, da sie das Eindringen von Fäulniserregern ermöglichen, die das Leitgewebe zerstören und die Kultur zum Absterben bringen. Amerikanische Unterlagen tolerieren Nodositäten, verhindern aber die Bildung von Tuberositäten.
Wie verhindere ich die Verschleppung der Reblaus zwischen verschiedenen Parzellen?
Da die Larven der Wurzelreblaus im Boden leben, ist die mechanische Verschleppung über Maschinen und Werkzeuge ein Hauptübertragungsweg. Du solltest alle Bodenbearbeitungsgeräte, Traktoren und Werkzeuge gründlich reinigen und von Erdrückständen befreien, bevor du von einer bekannten Befallsfläche in eine gesunde Parzelle wechselst.
Welche Rolle spielen IRAC-Wirkstoffgruppen bei der Bekämpfung der Blattreblaus?
Um eine Resistenzbildung der Blattreblaus gegen Insektizide zu verhindern, musst du die Wirkstoffgruppen gemäß dem IRAC-Code konsequent abwechseln. Verwende beispielsweise im Wechsel systemische Mittel aus der Gruppe 4 (Neonicotinoide/Butenolide) und der Gruppe 23 (Tetronsäure-Derivate), anstatt in aufeinanderfolgenden Anwendungen dieselbe Wirkstoffklasse zu spritzen.