Abtötung von Stockaustrieb
Die "Abtötung von Stockaustrieb" (wissenschaftlich/EPPO-Bezeichnung: "kill of suckers", EPPO-Code: YEXST) beschreibt eine essenzielle kulturtechnische Maßnahme im professionellen Beeren- und Schalenobstbau. Ungesteuerter Stockaustrieb (Suckers) entzieht der Hauptkultur wertvolle Assimilate, Wasser und Nährstoffe, was direkt zu Ertragseinbußen und einer verminderten Fruchtqualität führt. Besonders in Kulturen wie Roten Johannisbeeren (Ribes rubrum), Schwarzen Johannisbeeren (Ribes nigrum), Stachelbeeren (Ribes uva-crispa) und Haselnüssen (Corylus avellana) ist die Regulierung dieser Triebe für den Erhalt einer leistungsfähigen Anlagenstruktur unerlässlich.
Darüber hinaus führt ein dichtes, bodennahes Laubwerk durch unkontrollierte Stockaustriebe zu einer drastischen Verschlechterung des Mikroklimas innerhalb der Kultur. Die Luftzirkulation wird behindert, wodurch die Blattnässeperiode verlängert wird. Dies begünstigt die Etablierung und Ausbreitung von pilzlichen Schaderregern wie Echtem Mehltau oder Grauschimmel (Botrytis). Zudem erschwert der dichte Wuchs die mechanische Unkrautbekämpfung im Unterstockbereich sowie die maschinelle Ernte erheblich.
Biologie / Lebenszyklus
Der Austrieb von Stockschossen beginnt im Frühjahr parallel zum Knospenaufbruch der Hauptkultur, meist ab dem BBCH-Stadium 09 bis 11, initiiert durch steigende Bodentemperaturen und den mobilisierten Nährstofffluss aus den Wurzeln. Im Laufe des Frühsommers (BBCH 51 bis 69) zeigen diese Triebe ein extrem schnelles, apikal dominiertes Längenwachstum, da sie direkt von der Wurzel versorgt werden. Ohne regulierende Eingriffe verholzen die Triebe bis zum Spätsommer (BBCH 91), etablieren eigene Knospenanlagen und konkurrieren dauerhaft mit den ertragsrelevanten Leittrieben der Kultur.
Bonitur
Die visuelle Bonitur der Stockaustriebe beginnt im zeitigen Frühjahr ab BBCH 11–13. Eine gezielte Behandlung wird notwendig, sobald die jungen Triebe eine Höhe von 10–15 cm erreicht haben und noch weitgehend unverholzt (krautig) sind. Zu diesem Zeitpunkt ist die Leitungsbahn der Triebe noch empfindlich gegenüber thermischen, mechanischen oder chemischen Maßnahmen. Ein Aufschieben der Maßnahme über eine Trieblänge von 20 cm hinaus verringert die Effizienz chemischer Anwendungen drastisch und erhöht das Risiko von Rindenschäden an der Hauptkultur bei mechanischer Entfernung.
Symptome
Das Erscheinungsbild ist geprägt von stark wüchsigen, meist steil aufrecht wachsenden, krautigen Trieben, die direkt aus der Basis des Stammes oder dem Wurzelhals (Unterlage) austreiben. Im fortgeschrittenen Stadium zeigen sich eine zunehmende Beschattung der bodennahen Ertragszone, eine Verringerung der Fruchtgröße im unteren Kronenbereich sowie eine erhöhte Feuchtigkeit im Stockbereich. Bei mangelnder Kontrolle kommt es zur Verwilderung der Strauch- oder Baumform, was die Durchgängigkeit der Zeilen einschränkt.
Integriertes Management
Das integrierte Management kombiniert mechanische, thermische und chemische Verfahren. Mechanisch können die Triebe in jungen Jahren manuell ausgerissen oder mit speziellen Bürstengeräten im Unterstockbereich entfernt werden. Für die chemische Anwendung stehen spezifische, kontaktwirksame Pflanzenschutzmittel zur Verfügung, insbesondere Herbizide aus der HRAC-Gruppe 14 (PPO-Inhibitoren), die eine schnelle Austrocknung des grünen Gewebes bewirken. Um Schäden an der Kultur zu vermeiden, müssen diese Anwendungen zwingend mit Abschirmdüsen und bei windstillem Wetter durchgeführt werden, sodass kein Abdrift auf die grünen Pflanzenteile der Hauptkultur gelangt. Ein Wirkstoffwechsel innerhalb der zugelassenen Pflanzenschutzmittel ist zur Vermeidung von Selektionseffekten und zur Absicherung des Behandlungserfolgs ratsam.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Alle Anwendungen ansehenHäufige Fragen
Warum ist der Entwicklungszustand der Stockaustriebe für den Behandlungserfolg so entscheidend?
Die Effizienz von Pflanzenschutzmitteln zur Triebabtötung (z. B. PPO-Inhibitoren) basiert auf der Aufnahme über unverholztes, grünes Gewebe. Sobald die Triebe eine Länge von über 15–20 cm erreichen, setzt die Verholzung (Ligninisierung) an der Triebbasis ein. Dies blockiert die Wirkstoffaufnahme, wodurch die Triebe nur unvollständig abgetötet werden und erneut austreiben können.
Wie lässt sich das Risiko von Kulturschäden bei der chemischen Abtötung minimieren?
Die Anwendung darf ausschließlich mit speziellen, gut abgeschirmten Spritzdüsen (z. B. Tunnelspritzgeräten oder Manschettendüsen) und bei minimalem Arbeitsdruck erfolgen. Es muss strikt darauf geachtet werden, dass die Spritzbrühe nur die bodennahen Austriebe benetzt und keinesfalls mit den Blättern, grünen Trieben oder jungen Früchten der Hauptkultur in Kontakt kommt, um schwere Phytotoxizität zu vermeiden.
Welche Rolle spielt die HRAC-Klassifizierung bei der Auswahl der Pflanzenschutzmittel zur Triebabtötung?
Für die chemische Abtötung von Stockaustrieb werden vorwiegend Kontaktherbizide der HRAC-Gruppe 14 (Protoporphyrinogen-Oxidase-Inhibitoren) eingesetzt. Ein bewusster Wechsel oder die Kombination mit mechanischen Verfahren verhindert, dass sich unkrautseitig Resistenzen im Unterstockbereich aufbauen, da diese Mittel gleichzeitig eine Herbizidwirkung gegen auflaufende Beikräuter besitzen.
Kann die mechanische Entfernung von Stockaustrieben chemische Anwendungen vollständig ersetzen?
Ja, in Bio-Betrieben oder Junganlagen ist die mechanische Entfernung mittels Stockputzmaschinen (Bürstengeräten) oder manuellem Ausreißen Standard. Allerdings erfordert dies einen höheren Arbeitszeitaufwand und birgt bei unvorsichtiger Handhabung das Risiko von mechanischen Rindenverletzungen am Hauptstamm, welche als Eintrittspforten für holzzerstörende Pilze oder Bakterien dienen können.
Wie finde ich aktuell zugelassene Pflanzenschutzmittel für die Anwendung "Abtötung von Stockaustrieb" auf agronomy.farmable.tech?
Nutzen Sie die Such- und Filterfunktion in unserem Pflanzenschutz-Hub. Filtern Sie nach Ihrer spezifischen Kultur (z. B. Rote Johannisbeere) und wählen Sie im Filter "Anwendungsbereich" oder "Indikation" den Eintrag "Abtötung von Stockaustrieb" (EPPO-Code: YEXST). Das System listet Ihnen alle in Ihrem Land aktuell zugelassenen Pflanzenschutzmittel inklusive Aufwandmengen und Wartezeiten auf.
Beeinflusst die Stickstoffdüngung die Intensität des Stockaustriebs?
Ja, eine überhöhte oder zu späte Stickstoffgabe im Frühjahr fördert das vegetative Wachstum und regt schlafende Knospen am Wurzelhals massiv zum Austrieb an. Eine bedarfsgerechte, splittende Düngung basierend auf Boden- und Blattanalysen hilft, das Triebwachstum in Waage zu halten und den Aufwand für die Triebregulierung zu reduzieren.