Wirsing
Wirsing (Brassica oleracea var. sabauda, EPPO-Code: BRSOS), im süddeutschen Raum und in Österreich auch als Welschkohl oder Wirsingkohl bezeichnet, ist eine bedeutende zweijährige Kultur aus der Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae). Im professionellen mitteleuropäischen Gemüsebau zeichnet sich diese Kultur durch ihre charakteristisch gekrausten, gewellten Blätter und eine ausgeprägte Frosthärte aus, was sie zu einem unverzichtbaren Ganzjahres- und Wintergemüse macht. Je nach Anbautermin und Sortengruppe wird im Erwerbsanbau strikt zwischen sehr frühen Sätzen für den Sommerabsatz und extrem frostharten Spätsorten für die Überwinterung auf dem Feld unterschieden.
Die Kultur stellt hohe Ansprüche an die Bodenstruktur sowie die Nährstoff- und Wasserversorgung, um feste, marktfähige Köpfe mit der typisch gepernten Blasenstruktur auszubilden. Aufgrund der langen Standzeiten, insbesondere bei den späten Winterwirsing-Sorten, ist ein integriertes Kulturmanagement unerlässlich. Hierbei spielen eine weite Fruchtfolge zur Vermeidung bodenbürtiger Schaderreger sowie ein engmaschiges Monitoring von Schadinsekten eine entscheidende Rolle für den wirtschaftlichen Erfolg.
Bodenmanagement
Wirsing gedeiht am besten auf tiefgründigen, mittelschweren bis schweren Böden mit hoher Wasserhaltekapazität und guter Humusversorgung. Da die Kultur sehr nährstoffbedürftig ist (Starkzehrer), ist eine ausgewogene Grunddüngung mit organischem Material oder Kompost im Herbst sowie eine gezielte Stickstoff-Kopfdüngung während der Hauptwachstumsphase im Sommer ratsam. Ein stabiler pH-Wert im neutralen bis schwach alkalischen Bereich (über 6,5) ist zwingend erforderlich, um dem Auftreten von Kohlhernie effektiv vorzubeugen. Zur Vermeidung von Bodenverdichtungen und zur Förderung des Wurzelwachstums sollte die Primärbodenbearbeitung tief und sorgfältig erfolgen. Eine gleichmäßige Wasserversorgung, insbesondere während der Kopfbildungsphase ab BBCH-Stadium 41, verhindert das Platzen der Köpfe und sichert homogene Sortierungen.
Schaderreger-Management
Der integrierte Pflanzenschutz im Wirsinganbau erfordert eine strikte Einhaltung von weiten Fruchtfolgen (mindestens 4–5 Jahre Anbaupause zu anderen Kreuzblütlern). Zu den wichtigsten tierischen Schaderregern gehören die Mehlige Kohlblattlaus (Brevicoryne brassicae) und die Kohlmottenschildlaus (Aleyrodes proletella), deren Befall durch regelmäßiges Monitoring ab dem Pflanzenauflauf überwacht werden muss. Gegen pilzliche Schaderreger wie die Ringfleckenkrankheit (Neopseudocercosporella brassicae) und Falschen Mehltau helfen eine weite Pflanzweite zur schnellen Abtrocknung des Bestandes sowie der gezielte Einsatz zugelassener Pflanzenschutzmittel. Der Einsatz von feinen Kulturschutznetzen unmittelbar nach der Pflanzung schützt die Kultur mechanisch vor der Kohlfliege und verschiedenen Raupenarten. Bei chemischen Behandlungen ist stets auf die Einhaltung der gesetzlichen Wartezeit und ein konsequentes Wirkstoff-Resistenzmanagement zu achten.
Sorten
Vorbote
Sehr frühMittel (ca. 20–25 t/ha aufgrund des geringen Kopfgewichts)
Anfällig für: Frost, Kohlhernie
Beliebte, sehr frühe Sorte für den ersten Freilandanbau im Frühjahr. Bildet spitze bis rundliche, hellgrüne Köpfe mit feiner Krau-sung.
Vertus
Mittelfrüh bis mittelspätHoch (ca. 35–45 t/ha)
Resistent gegen: Frost
Anfällig für: Kohlhernie, Kohlmottenschildlaus
Robuste, bewährte Herbstsorte mit großen, dunkelgrünen, flachrunden Köpfen und ausgeprägter Blasenstruktur.
Wirosa
Spät / WinterwirsingSehr hoch (ca. 40–50 t/ha)
Resistent gegen: Frost, Innenbrand
Anfällig für: Kohlhernie
Hervorragende, frostharte F1-Hybride für die Winterernte. Dunkelgrüne, fest geschlossene Köpfe mit exzellenter Lagerfähigkeit auf dem Feld.
Eisenkopf
Früh bis mittelfrühMittel (ca. 25–30 t/ha)
Anfällig für: Schossen, Kohlhernie
Traditionelle, schnellwüchsige Sorte mit gelbgrünen, festen Köpfen. Ideal für den Sommeranbau.
Wichtige Schaderreger
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie lässt sich das Risiko von Kohlhernie im Wirsinganbau pflanzenbaulich minimieren?
Neben einer strikten Anbaupause von mindestens 4 bis 5 Jahren zu allen anderen Kreuzblütlern ist die gezielte Regulierung des Boden-pH-Werts die effektivste Maßnahme. Durch eine Kalkung mit Branntkalk kurz vor der Pflanzung sollte der pH-Wert auf über 7,2 angehoben werden, da der Erreger saure Bodenverhältnisse bevorzugt. Zudem verringert der konsequente Einsatz von gesundem, in Presstöpfen vorgezogenem Jungpflanzenmaterial das Risiko einer frühen Infektion im Feld.
Ab welchem BBCH-Stadium ist das Monitoring auf die Kohlmottenschildlaus besonders kritisch?
Das Monitoring auf die Kohlmottenschildlaus (Aleyrodes proletella) sollte unmittelbar nach dem Anwachsen der Jungpflanzen ab dem BBCH-Stadium 14 (4-Laubblatt-Stadium) beginnen. Da sich der Schaderreger bevorzugt auf den Blattunterseiten ansiedelt und dort klebrigen Honigtau ausscheidet, der zu Sekundärinfektionen mit Rußtaupilzen führt, ist eine frühzeitige Befallserkennung entscheidend. Eine gezielte Behandlung mit Pflanzenschutzmitteln ist meist nur im frühen Befallsstadium voll wirksam, bevor sich geschützte Kolonien unter den Blättern etablieren.
Welche Bedeutung hat die Stickstoff-Kopfdüngung für die Kopfqualität und wie wird sie aufgeteilt?
Wirsing benötigt als Starkzehrer eine kontinuierliche Stickstoffversorgung, die meist zweigeteilt wird: Etwa 60 % des Gesamtbedarfs werden zur Pflanzung verabreicht, die restlichen 40 % als Kopfdüngung während der Hauptwachstumsphase zwischen den BBCH-Stadien 31 und 35. Eine zu späte Stickstoffgabe kurz vor der Ernte muss unbedingt vermieden werden, da dies zu weichen Köpfen, einem erhöhten Risiko für Innenbrand und einer deutlich reduzierten Frosthärte bei den überwinternden Sorten führt.
Wie unterscheidet sich die Bekämpfungsstrategie gegen die Mehlige Kohlblattlaus von anderen Schadinsekten?
Die Mehlige Kohlblattlaus (Brevicoryne brassicae) bildet dichte, wachsbedeckte Kolonien, die sich oft tief im Inneren der Herzblätter verstecken. Systemisch wirkende Pflanzenschutzmittel sind hier meist deutlich effektiver als reine Kontaktpräparate, da letztere die Schaderreger unter der schützenden Wachsschicht und in den stark gekräuselten Blättern kaum erreichen. Behandlungen müssen durchgeführt werden, bevor sich die Blätter durch den Saugschaden stark einrollen und den Schädling komplett abschirmen.
Wie finde ich im Agronomie-Hub aktuell zugelassene Pflanzenschutzmittel gegen die Ringfleckenkrankheit?
Nutzen Sie die Suchfunktion im Hub und filtern Sie nach dem spezifischen Schaderreger Neopseudocercosporella brassicae oder dem EPPO-Code MYCOBR. Dort werden Ihnen alle in Deutschland aktuell für die Kultur Wirsing zugelassenen Fungizide inklusive der spezifischen Aufwandmengen, der maximalen Anwendungen pro Saison und der einzuhaltenden Wartezeiten übersichtlich und tagesaktuell angezeigt.
Welche Rolle spielt die Frosthärte bei der Sortenwahl und wie wird sie physiologisch beeinflusst?
Echte Wintersorten vertragen Fröste von bis zu -15 °C auf dem Feld ohne Qualitätsverlust. Diese Frosttoleranz wird durch eine langsame Abhärtung im Herbst bei sinkenden Temperaturen induziert, wobei die Kultur lösliche Zucker in den Zellen anreichert, die als natürliches Frostschutzmittel wirken. Schnellwüchsige Frühjahrssorten besitzen diese physiologische Anpassung nicht und erleiden bereits bei leichten Frösten irreversible Gewebeschäden, weshalb sie strikt im Sommer abzuerten sind.