Kleine Kohlfliege
Die Kleine Kohlfliege (Delia radicum, EPPO-Code: HYLERA) gehört zu den wirtschaftlich bedeutendsten Schaderregern im mitteleuropäischen Gemüsebau. Sie befällt vor allem Kreuzblütler (Brassicaceae), darunter wichtige Kulturen wie Blumenkohl, Brokkoli, Rosenkohl und Chinakohl, aber auch verschiedene Wurzelgemüsearten. Der Hauptschaden entsteht durch den Fraß der Larven an den Wurzeln, was insbesondere bei Jungpflanzen rasch zum Absterben führt.
Die wirtschaftliche Relevanz dieses Schädlings ist enorm, da ein starker Befall in unbehandelten Beständen zu Totalausfällen führen kann. Neben dem direkten Ertragsverlust begünstigen die Fraßgänge Sekundärinfektionen durch bodenbürtige Krankheitserreger wie Bakterien (z. B. Weichfäule) und Pilze. Die Kleine Kohlfliege ist in den gemäßigten Klimazonen der Nordhalbkugel weit verbreitet und stellt Gemüseanbauer jährlich vor große Herausforderungen.
Biologie / Lebenszyklus
Die Überwinterung erfolgt als Puppe im Boden. Im Frühjahr, meist ab einer Bodentemperatur von etwa 12 °C, schlüpfen die adulten Fliegen der ersten Generation. Nach dem Reifungsfraß legen die Weibchen ihre Eier bevorzugt am Wurzelhals der Wirtskulturen oder in unmittelbarer Nähe im Boden ab. Nach wenigen Tagen schlüpfen die madenartigen Larven, die sich sofort in das Wurzelgewebe einbohren und dort drei Larvenstadien durchlaufen. Nach der Verpuppung im Boden schlüpft im Sommer die zweite und später oft eine dritte Generation, wobei die erste Generation im Frühjahr aufgrund der Empfindlichkeit der Jungpflanzen meist den größten wirtschaftlichen Schaden verursacht.
Bonitur
Ein effektives Monitoring basiert auf der Überwachung des Flugverlaufs und der Eiablage. Zur Erfassung des Erstflugs im Frühjahr setzt du Gelbschalen oder weiße Leimtafeln ein, die knapp über dem Pflanzenbestand platziert werden. Ab dem BBCH-Stadium 12 bis 19 (Blattentwicklung) solltest du wöchentlich Stichproben am Wurzelhals von mindestens 20 bis 30 Kulturen pro Schlag durchführen, um nach den kleinen, weißen, länglichen Eiern zu suchen. Die Schadensschwelle liegt im frühen Anbau bei etwa 10 % mit Eiern belegten Kulturen oder im Schnitt mehr als 1 bis 2 Eiern pro Pflanze, insbesondere bei noch nicht etablierten Jungpflanzen.
Symptome
Typische Symptome im Feld zeigen sich zunächst durch ein verlangsamtes Wachstum und eine bläulich-violette Verfärbung der Blätter, die auf eine gestörte Nährstoff- und Wasseraufnahme hinweisen. Bei sonnigem Wetter welken betroffene Kulturen rasch, selbst bei ausreichender Bodenfeuchtigkeit. Zieht man verdächtige Pflanzen aus dem Boden, zeigen sich zerstörte Feinwurzeln und braune Fraßgänge im Hauptwurzelbereich, in denen oft die weißlichen, bis zu 8 mm langen Maden zu finden sind. Bei starkem Befall verrottet das gesamte Wurzelsystem, sodass sich die Kulturen mühelos aus der Erde ziehen lassen.
Integriertes Management
Die Bekämpfung erfordert ein integriertes Konzept. Kulturtechnisch ist das lückenlose Abdecken der Beete mit Kulturschutznetzen (Maschenweite maximal 0,8 x 0,8 mm) direkt nach der Pflanzung bis kurz vor der Ernte die effektivste Maßnahme, um die Eiablage zu verhindern. Biologisch können nützliche Nematoden zur Reduzierung der Larven im Boden eingesetzt werden. Chemische Pflanzenschutzmittel sollten gezielt als Pflanzlochbehandlung, Tränkung oder Spritzung appliziert werden, wobei die Zulassungssituation der BVL streng zu beachten ist. Um Resistenzen vorzubeugen, musst du einen Wirkstoffwechsel zwischen verschiedenen IRAC-Klassen (z. B. Pyrethroide und Diamide) konsequent umsetzen und die maximale Anzahl der Anwendungen pro Saison einhalten.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie kann ich den optimalen Zeitpunkt für das Auflegen von Kulturschutznetzen bestimmen?
Du solltest die Netze unmittelbar nach der Pflanzung oder Saat auslegen, noch bevor der Flug der ersten Generation beginnt. Orientierung bietet hierbei die Forsythienblüte oder die Temperatursumme: Sobald im Frühjahr eine Bodentemperatur von konstant über 10–12 °C erreicht wird, ist mit dem Schlupf zu rechnen. Das Netz muss lückenlos am Boden abschließen, damit keine Fliegen unter das Netz gelangen.
Welche Rolle spielen nützliche Nematoden bei der Regulierung der Kleinen Kohlfliege?
Entomopathogene Nematoden der Art 'Steinernema feltiae' können gezielt gegen die Larven im Boden eingesetzt werden. Für eine hohe Wirkung muss der Boden ausreichend feucht und die Bodentemperatur über 12 °C warm sein. Du applizierst sie am besten am späten Nachmittag oder bei bedecktem Himmel als Tränkung direkt an den Wurzelhals, um UV-Schäden an den Nematoden zu vermeiden.
Wie finde ich im Agronomy-Hub zugelassene Pflanzenschutzmittel gegen diesen Schaderreger?
Nutze die Suchfunktion im Hub und filtere nach dem Schaderreger 'Delia radicum' oder 'Kleine Kohlfliege'. Du kannst die Ergebnisse nach deiner spezifischen Kultur (z. B. Blumenkohl oder Chinakohl) filtern, um nur die aktuell für diese Anwendung zugelassenen Pflanzenschutzmittel inklusive der einzuhaltenden Wartezeit und Aufwandmenge angezeigt zu bekommen.
Warum ist die erste Generation im Frühjahr gefährlicher als die späteren Generationen im Sommer?
Im Frühjahr treffen die frisch geschlüpften Larven auf junge, noch nicht etablierte Kulturen im BBCH-Stadium 12 bis 14. Da das Wurzelsystem dieser Jungpflanzen noch sehr klein ist, führt bereits geringer Fraß zum Absterben der Pflanze. Im Sommer hingegen sind die Kulturen meist schon älter, robuster und können den Fraß an den Nebenwurzeln besser kompensieren, sofern keine Sekundärinfektionen auftreten.
Wie kann ich das Risiko von Resistenzen bei der chemischen Bekämpfung minimieren?
Achte strikt auf das IRAC-Wirkstoffgruppen-Management. Verwende für aufeinanderfolgende Anwendungen keine Pflanzenschutzmittel aus derselben Wirkstoffklasse. Kombiniere chemische Maßnahmen immer mit kulturtechnischen Methoden wie Netzen und halte dich exakt an die vom BVL vorgegebene maximale Anzahl an Anwendungen pro Kultur und Saison.
Gibt es pflanzenbauliche Maßnahmen, die den Befallsdruck im Folgejahr senken?
Ja, eine weite Fruchtfolge bei Kreuzblütlern von mindestens 3 bis 4 Jahren ist essenziell. Zudem solltest du nach der Ernte die Strunk- und Wurzelreste zügig einarbeiten oder entfernen, um den Larven die Nahrungsgrundlage für die Verpuppung zu entziehen. Eine tiefe Bodenbearbeitung im Spätherbst bringt die überwinternden Puppen an die Oberfläche, wo sie Frost und natürlichen Feinden ausgesetzt sind.