Weißstängeligkeit (Sclerotinia sclerotiorum)
Sclerotinia sclerotiorum (EPPO-Code: SCLESC) ist ein bodenbürtiger, hochinvasiver Schlauchpilz, der als Erreger der Weißstängeligkeit (auch Rapskrebs oder Stängelfäule genannt) weltweit immense wirtschaftliche Schäden verursacht. Der Schaderreger besitzt ein extrem breites Wirtsspektrum, das mehr als 400 zweikeimblättrige Pflanzenarten umfasst. Besonders betroffen sind intensiv geführte Kulturen wie Winterraps (Brassica napus), Sojabohnen, Sonnenblumen sowie diverse Gemüse- und Leguminosenarten.
Die ökonomische Relevanz des Pilzes ist enorm, da Infektionen oft unbemerkt im Inneren des Stängels beginnen und erst bei der Abreife zu massivem Lager und vorzeitiger Notreife führen. Ertragsverluste von 30 bis 50 % sind in feuchten Jahren keine Seltenheit. Zudem erschweren die extrem langlebigen Überdauerungsorgane (Sklerotien), die über ein Jahrzehnt im Boden überleben können, die Fruchtfolgegestaltung in betroffenen Regionen erheblich.
Der Pilz tritt kosmopolitisch auf, zeigt jedoch in gemäßigten Klimazonen mit feucht-warmen Frühjahrswitterungen die höchste Aggressivität. In Europa gehört er zu den am meisten gefürchteten Krankheitserregern im Raps- und Gemüsebau.
Biologie / Lebenszyklus
Der Schaderreger überdauert als Sklerotium (Dauermyzel) im Boden oder als Verunreinigung im Saatgut. Im Frühjahr keimen diese Sklerotien in den oberen Bodenschichten (0–5 cm) bei ausreichender Bodenfeuchte und Temperaturen ab 8 °C aus und bilden apothezienförmige Fruchtkörper. Diese Apothezien schleudern Millionen von Ascosporen in die Luft, die durch Wind in den Pflanzenbestand getragen werden. Da die Sporen für die Keimung auf exogene Nährstoffe angewiesen sind, infizieren sie primär abgeworfene Blütenblätter, die in den Blattachseln der Kulturen hängenbleiben. Von dort dringt das Myzel rasch in den Stängel ein, zerstört das Leitgewebe und bildet im Mark neue, schwarze Sklerotien, die bei der Ernte oder durch Pflanzenzerfall wieder in den Boden gelangen.
Bonitur
Das Monitoring konzentriert sich vor allem auf die kritischen BBCH-Stadien der Hauptwirte. Beim Winterraps liegt das Hauptaugenmerk auf der Blüte (BBCH 61 bis 65), da hier das Infektionsrisiko durch abfallende Blütenblätter am höchsten ist. Zur Entscheidungsfindung solltest du Prognosemodelle nutzen, die Bodentemperatur, Bodenfeuchte und Niederschläge während der Knospen- und Blühphase verrechnen. Ein direktes visuelles Monitoring der Sporenausschüttung im Feld ist schwierig; daher dient der Nachweis von Apothezien am Boden im Frühjahr als wichtiges Signal für ein hohes Gefährdungspotenzial. Bei feucht-warmer Witterung während der Vollblüte ist eine vorbeugende Behandlung meist wirtschaftlich gerechtfertigt.
Symptome
Erste Symptome zeigen sich meist erst nach der Blüte als wassergetränkte, hellbraune bis strohgelbe Flecken an den Stängeln, oft ausgehend von den Blattachseln. Im weiteren Verlauf bleichen die betroffenen Stängelabschnitte kreidig weiß aus (Weißstängeligkeit), und die Rinde lässt sich leicht faserig ablösen. Bei feuchtem Wetter bildet sich auf den Befallsstellen ein dichtes, schneeweißes, watteartiges Myzel. Im Inneren des hohlen Stängels (Mark) entwickeln sich die charakteristischen, unregelmäßig geformten, steinkohleartigen, schwarzen Sklerotien, die eine Größe von mehreren Millimetern erreichen können. Befallene Kulturen reifen vorzeitig not und brechen leicht zusammen.
Integriertes Management
Eine erfolgreiche Bekämpfung erfordert ein integriertes Konzept. Ackerbaulich stehen weite Fruchtfolgen (mindestens 4 Jahre Anbaupause zu anderen Wirtskulturen wie Raps, Sonnenblumen oder Leguminosen) und eine tiefe Wendung des Bodens zur Vergrabung der Sklerotien im Vordergrund, wobei flache Bodenbearbeitung im Folgejahr ein erneutes Hochholen verhindert. Biologisch kann der Antagonist Coniothyrium minitans gezielt auf die Stoppelrückstände appliziert werden, um die Sklerotien im Boden zu parasitieren. Chemische Pflanzenschutzmittel (Fungizide) müssen rein präventiv zur Vollblüte (BBCH 63–65) eingesetzt werden, da eine kurative Heilung infizierter Stängel unmöglich ist. Zur Vermeidung von Resistenzen ist ein Wirkstoffwechsel zwischen verschiedenen FRAC-Klassen (z. B. SDHI, Triazole und Strobilurine) zwingend einzuhalten.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie entscheidest du, ob eine Fungizidbehandlung gegen Sclerotinia im Raps wirtschaftlich sinnvoll ist?
Die Entscheidung hängt primär vom Wetter während der Blüte (BBCH 61–65) ab. Wenn der Boden feucht ist und während der Vollblüte mäßige Temperaturen (12–20 °C) sowie Regenschauer vorherrschen, ist das Infektionsrisiko extrem hoch. Nutze regionale Prognosemodelle und prüfe, ob in den Vorjahren anfällige Kulturen auf der Fläche standen, da die Sklerotien sehr lange im Boden überleben.
Wann und wie wendest du den biologischen Gegenspieler Coniothyrium minitans am besten an?
Dieses biologische Pflanzenschutzmittel solltest du idealerweise im Herbst auf die Stoppeln der Vorfrucht oder vor der Aussaat einer gefährdeten Kultur flach in den Boden (ca. 5–10 cm tief) einarbeiten. Der nützliche Pilz benötigt Zeit, um die im Boden ruhenden Sklerotien aktiv zu besiedeln und zu zersetzen. Eine Anwendung direkt zur Blüte der Kultur ist für diesen Zweck wirkungslos.
Wie findest du auf agronomy.farmable.tech die passenden zugelassenen Pflanzenschutzmittel gegen diesen Schaderreger?
Nutze die Suchfunktion in unserem Hub und filtere nach der Kultur, die du anbaust (z. B. Winterraps), und dem Schaderreger "Sclerotinia sclerotiorum". Dir werden dann alle aktuell in deinem Land zugelassenen Pflanzenschutzmittel inklusive Aufwandmengen, BBCH-Anwendungsfenstern und den gesetzlichen Wartezeiten übersichtlich angezeigt.
Welche Rolle spielt das Resistenzmanagement bei der chemischen Bekämpfung der Weißstängeligkeit für dich?
Da in vielen Regionen oft nur eine einzige Fungizidbehandlung pro Saison zur Blüte durchgeführt wird, ist der Selektionsdruck moderat, aber dennoch vorhanden. Um Resistenzen vorzubeugen, solltest du Produkte mit unterschiedlichen Wirkmechanismen (z. B. Kombinationen aus SDHI und Triazolen) wählen und die Wirkstoffklassen (FRAC-Gruppen) im Fruchtfolgezyklus konsequent abwechseln.
Warum kann eine tiefe Pflugfurche nach einem starken Befallsjahr für deine Flächen Fluch und Segen zugleich sein?
Durch tiefes Pflügen (über 20 cm) vergräbst du die frisch gebildeten Sklerotien in tiefere Bodenschichten, aus denen sie keine Apothezien an die Oberfläche treiben können. Allerdings konserviert der kühle, sauerstoffarme Tiefenboden die Sklerotien. Pflügst du im Folgejahr erneut tief, holst du vitale Sklerotien wieder nach oben. Besser ist es, nach dem Pflügen in den Folgejahren nur noch flach zu arbeiten.