Kraut- und Knollenfäule (Phytophthora infestans)
Die Kraut- und Knollenfäule der Kartoffel sowie die Kraut- und Braunfäule der Tomate, verursacht durch den oomyzeten Schaderreger Phytophthora infestans (EPPO-Code: PHYTIN), gehört weltweit zu den wirtschaftlich bedeutendsten Krankheiten im Anbau von Nachtschattengewächsen. Der Erreger ist kein echter Pilz, sondern gehört zu den Eipilzen (Oomyceten), was für die gezielte Auswahl der Pflanzenschutzmittel von entscheidender Bedeutung ist. Bei feucht-warmer Witterung kann sich die Krankheit innerhalb kürzester Zeit epidemisch ausbreiten und unbehandelt zum vollständigen Absterben der Bestände führen.
Neben dem direkten Ertragsverlust durch die Zerstörung des Krauts führt der Befall bei Kartoffeln zu einer gravierenden Qualitätsminderung der Knollen im Lager. Infizierte Knollen faulen und sind weder als Speise- noch als Pflanzgut verwendbar. In Tomatenkulturen führt der Befall der Früchte zu ungenießbaren, braun marmorierten Flecken, was die Vermarktung unmöglich macht. Die Bekämpfung erfordert ein hochgradig integriertes Management, da der Erreger ein enormes Vermehrungs- und Anpassungspotenzial besitzt.
Biologie / Lebenszyklus
Der Schaderreger überwintert hauptsächlich als Myzel in infizierten Kartoffelknollen im Boden oder auf Abfallhaufen. Im Frühjahr wächst das Myzel in den austreibenden Stängeln nach oben und bildet bei hoher Luftfeuchtigkeit (über 90 %) und Temperaturen zwischen 15 und 20 °C Sporangienträger an den Blattunterseiten aus. Diese Sporangien werden durch Wind und Regenspritzer im Bestand verbreitet und keimen entweder direkt oder entlassen bewegliche Zoosporen, die neue Blätter infizieren. Während der Vegetationsperiode läuft dieser Infektionszyklus bei optimalen Bedingungen in nur 3 bis 5 Tagen ab, was zu einer explosionsartigen Ausbreitung führt. Zum Ende der Saison werden die Sporangien durch Regen in den Boden gewaschen, wo sie die Knollen infizieren und den Kreislauf schließen.
Bonitur
Ein systematisches Monitoring sollte ab dem Reihenschluss der Kartoffeln (ca. BBCH 35 bis 39) beginnen, da sich im feuchten Mikroklima des geschlossenen Bestandes die ersten Infektionsherde bilden. Du solltest vor allem Senken, schattige Feldränder und Vorgewende regelmäßig auf erste Blattsymptome kontrollieren. Zur präzisen Terminierung von Behandlungen empfiehlt sich die Nutzung computergestützter Prognosemodelle, die auf Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Niederschlag basieren. Sobald die kritische Schadschwelle laut Prognosemodell überschritten ist oder erste Befallsherde in der Region gemeldet werden, ist eine vorbeugende Behandlung zwingend erforderlich, da eine kurative Bekämpfung kaum noch möglich ist.
Symptome
Auf den Blättern zeigen sich zunächst unregelmäßige, hellgrüne bis dunkelgrüne, wasseraufnehmende Flecken, die sich rasch braun-schwarz verfärben und vertrocknen. Typisch ist ein weißlicher, schimmelartiger Rasen aus Sporangienträgern auf der Blattunterseite, der sich besonders morgens bei Tau an den Rändern der Befallsstellen bildet. An den Stängeln entstehen dunkelbraune bis schwarze Streifen, die die Standfestigkeit der Kultur schwächen. Befallene Kartoffelknollen weisen äußerlich leicht einsinkende, bleigraue Flecken auf; im Anschnitt zeigt das Knollengewebe eine unscharf abgegrenzte, rotbraune Verfärbung, die sich von außen nach innen ausbreitet.
Integriertes Management
Ein erfolgreiches Management basiert auf einer Kombination aus vorbeugenden pflanzenbaulichen Maßnahmen und gezieltem chemischen Pflanzenschutz. Verwende ausschließlich zertifiziertes, gesundes Pflanzgut und wähle widerstandsfähige Sorten. Durch weite Pflanzabstände, eine Ausrichtung der Reihen zur Hauptwindrichtung und eine bedarfsgerechte Stickstoffdüngung förderst du das schnelle Abtrocknen der Bestände. Chemische Pflanzenschutzmittel müssen präventiv vor dem ersten Infektionsereignis eingesetzt werden. Um Resistenzen vorzubeugen, ist ein konsequenter Wirkstoffwechsel nach den FRAC-Richtlinien einzuhalten, indem du Kontaktfungizide mit systemischen oder translokalen Wirkstoffen kombinierst und die maximale Anzahl an Anwendungen pro Saison nicht überschreitest.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie finde ich im Agronomy-Hub die passenden Pflanzenschutzmittel gegen Kraut- und Knollenfäule für meine Region?
Nutze die Such- und Filterfunktion in unserem Hub und filtere nach der Kultur (z. B. Kartoffel) und dem Schaderreger Phytophthora infestans. Du erhältst eine Liste aller in deinem Land aktuell zugelassenen Pflanzenschutzmittel inklusive Angaben zu Aufwandmenge, maximalen Anwendungen und der gesetzlichen Wartezeit.
Warum ist der Wechsel von Wirkstoffklassen (FRAC-Codes) bei diesem Schaderreger so extrem wichtig?
Phytophthora infestans besitzt eine sehr hohe genetische Variabilität und bildet extrem schnell Resistenzen gegen spezifische, systemische Wirkstoffe aus (z. B. Phenylamide). Durch den konsequenten Wechsel zwischen verschiedenen FRAC-Gruppen und die Kombination mit Kontaktwirkstoffen verringerst du den Selektionsdruck und erhältst die Wirksamkeit der Pflanzenschutzmittel.
Wie verhalte ich mich, wenn ich bereits sichtbaren Befall im Kartoffelbestand (ab BBCH 60) entdecke?
Bei akutem Befall solltest du sofort ein Pflanzenschutzmittel mit starker sporizider und stoppender Wirkung einsetzen. Vermeide in dieser Phase rein protektive Mittel ohne Tiefenwirkung. Ziel ist es, die Sporenbildung sofort zu unterbrechen, um eine Abwaschung der Sporen in den Boden und damit eine Infektion der Knollen zu verhindern.
Welche Rolle spielt die Krautregulierung kurz vor der Ernte bei der Vermeidung von Knollenfäule?
Die Krautregulierung (chemisch oder mechanisch) ca. 14 Tage vor der Ernte ist entscheidend, da sie das infizierte Kraut abtötet und somit die aktive Sporenquelle eliminiert. Bis zur Ernte bildet die Knolle eine feste Schale aus, was das Eindringen von im Boden verbliebenen Sporen während des Rodevorgangs drastisch minimiert.
Kann der Erreger auch auf Unkräutern in der Nähe meiner Kultur überleben?
Ja, Phytophthora infestans kann auf anderen Nachtschattengewächsen wie dem Schwarzen Nachtschatten (Solanum nigrum) oder dem Bittersüßen Nachtschatten (Solanum dulcamara) überdauern. Halte daher die Feldränder und den Bestand frei von diesen Unkräutern, um potenzielle Infektionsbrücken zu minimieren.