Wurzelzichorie
Die Wurzelzichorie (Cichorium intybus var. sativum, EPPO-Code: CICIS), auch als Kaffeezichorie bekannt, ist eine historisch und wirtschaftlich bedeutende Kultur, die primär wegen ihres hohen Inulingehalts sowie zur Gewinnung von Kaffee-Ersatzstoffen angebaut wird. Als tiefwurzelnde, zweijährige Kultur, die im landwirtschaftlichen Anbau einjährig geführt wird, stellt sie besondere Ansprüche an die Bodenstruktur und das Feuchtigkeitsangebot während der Jugendentwicklung.
In Mitteleuropa hat der Anbau in den letzten Jahren durch die steigende Nachfrage nach funktionellen Ballaststoffen (Inulin) für die Lebensmittelindustrie wieder an Bedeutung gewonnen. Die Kultur zeichnet sich durch eine relativ hohe Trocknungstoleranz im späteren Entwicklungsverlauf aus, reagiert jedoch in der frühen Keim- und Auflaufphase äußerst empfindlich auf Verkrustungen und Unkrautkonkurrenz. Ein präzises Management vom Saatbett bis zur Ernte ist daher entscheidend für hohe Rübenerträge und optimale Inulingehalte.
Bodenmanagement
Die Wurzelzichorie benötigt tiefgründige, gut durchlüftete Böden ohne Verdichtungen, da jegliche physikalische Barriere im Unterboden zu verzweigten oder deformierten Wurzeln führt. Ideal sind sandige Lehme oder tiefgründige Lößböden mit einer stabilen Struktur und ausgeglichenem Wasserhaushalt. Eine sorgfältige Herbstfurche oder eine intensive konservierende Bodenbearbeitung im Vorfeld ist zwingend erforderlich, um ein feinkrümeliges Saatbett zu bereiten. Da die Kultur sehr empfindlich auf Staunässe reagiert, musst du auf eine ausreichende Drainage und die Vermeidung von Fahrspuren achten. Die Kalkung sollte sich am optimalen pH-Wert orientieren, um die Strukturstabilität zu sichern und die Nährstoffverfügbarkeit, insbesondere von Bor, zu maximieren.
Schaderreger-Management
Der Schutz der Kultur konzentriert sich in der frühen Phase stark auf die Unkrautregulierung, da die langsame Jugendentwicklung der Zichorie kaum Konkurrenzkraft bietet. Schaderreger wie die Gemeine Quecke (Elymus repens) müssen bereits im Vorfeld oder gezielt im Nachauflauf mit zugelassenen Herbiziden reguliert werden. Gegen pilzliche Schaderreger wie Echten Mehltau (Erysiphe cichoracearum) oder die Schwarze Fäule (Alternaria) sind vorbeugende Kontrollen und eine weite Fruchtfolge von mindestens vier Jahren einzuhalten. Bei feuchter Witterung im Spätsommer steigt zudem das Risiko für Fäulniserreger im Wurzelbereich, weshalb eine bedarfsgerechte Stickstoffdüngung zur Vermeidung mastigen Gewebes beitragen sollte. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln muss stets exakt auf das aktuelle BBCH-Stadium und die Schadschwellen abgestimmt werden.
Sorten
Orchies
MittelspätHoher Rübenertrag bei sehr gutem Zucker- und Inulinverhältnis.
Resistent gegen: Echter Mehltau
Anfällig für: Wurzelfäule
Traditionelle, sehr bewährte Sorte mit hohem Inulingehalt und ausgeglichenem Ertragsprofil.
Kassel
MittelStabile, mittlere bis hohe Erträge auch unter trockeneren Bedingungen.
Anfällig für: Schossen
Robuste Sorte mit rascher Jugendentwicklung, gut geeignet für unterschiedliche Bodenstandorte.
Hera
Früh bis mittelSehr hohe Inulinerträge pro Hektar durch optimierten Rübenkörper.
Resistent gegen: Schossen
Anfällig für: Mehltau
Moderne Züchtung mit verbesserter Schossresistenz bei früher Aussaat.
Maestoso
SpätSpitzenerträge bei später Ernte und optimaler Nährstoffversorgung.
Resistent gegen: Alternaria
Anfällig für: Staunässe
Spätreifende Sorte mit exzellenter Lagerfähigkeit für eine verlängerte Kampagne.
Wichtige Schaderreger
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Warum ist die Bodentemperatur bei der Aussaat der Wurzelzichorie so kritisch?
Wenn du zu früh in den kalten Boden säst (unter 8 °C), riskierst du eine Vernalisation der Keimlinge. Dies führt im Sommer zum unerwünschten Schossen (Blütenbildung). Schosser bilden holzige Wurzeln mit minimalem Inulingehalt, die sich zudem maschinell kaum verarbeiten lassen.
Wie bekämpfst du die Gemeine Quecke (Elymus repens) in dieser Kultur am besten?
Da die Wurzelzichorie extrem empfindlich auf Konkurrenz reagiert, solltest du Quecken bereits auf der Vorfruchtfläche intensiv bekämpfen. Im Nachauflauf der Zichorie kannst du zugelassene selektive Graminizide einsetzen, idealerweise im BBCH-Stadium 12 bis 18, bevor die Quecke die Kultur überwachsen hat.
Welchen Einfluss hat die Stickstoffdüngung auf die Qualität der Ernte?
Eine übermäßige Stickstoffgabe fördert zwar das Blattwachstum, senkt aber den Inulingehalt und die Rübenqualität drastisch. Zudem erhöht sich die Anfälligkeit für Fäulniserreger. Dünge daher streng nach Bodenanalyse (Nmin) und teile die Gabe bei Bedarf auf, um ein mastiges Wachstum zu verhindern.
Was musst du bei der Anwendung von Herbiziden im Nachauflauf beachten?
Zichorien reagieren empfindlich auf viele Herbizidwirkstoffe. Verwende Splitting-Verfahren mit reduzierten Aufwandmengen und spritze nur bei einer stabilen Wachsschicht der Kultur (nicht direkt nach Regen oder bei starker Sonneneinstrahlung), um phytotoxische Schäden zu vermeiden.
Welche Fruchtfolgepartner solltest du meiden, um Krankheiten vorzubeugen?
Vermeide den Anbau direkt nach anderen Korbblütlern (Asteraceae) wie Sonnenblumen oder Salat sowie nach Raps, da diese ähnliche Schaderreger (z. B. Sclerotinia) übertragen können. Getreide ist als Vorfrucht ideal, da es den Boden unkrautfrei hinterlässt und den Infektionsdruck senkt.
Wie reagiert die Wurzelzichorie auf späte Fröste vor der Ernte?
Leichte Herbstfröste schaden den Rüben im Boden kaum, können aber den Abbau von Inulin zu kurzkettigen Zuckern initiieren. Wenn du die Ernte bis in den November hinein verzögerst, solltest du die Rüben zügig verarbeiten, da gefrorene und wieder aufgetaute Rüben extrem schnell faulen.