Wurzelzichorie
Die Wurzelzichorie (Cichorium intybus var. sativum), im EPPO-System unter dem Code `CICIS` geführt, ist eine historisch und wirtschaftlich bedeutende Kultur, die primär zur industriellen Gewinnung von Inulin sowie als Kaffeesurrogat (Kaffeezichorie) angebaut wird. Als zweijährige Pflanze bildet sie im ersten Anbaujahr eine dicke, fleischige Pfahlwurzel und eine dichte Blattrosette aus. Die Ernte erfolgt im Herbst des ersten Standjahres, bevor die Kultur im Folgejahr in die generative Phase mit Blüte und Samenbildung übergeht.
Der Anbau stellt hohe Anforderungen an das Temperaturregime und die Bodenbeschaffenheit. Da Zichorien in der Jugendphase empfindlich auf Spätfröste reagieren, die ein vorzeitiges Schossen (Samenbildung bereits im ersten Jahr) auslösen können, ist der Aussaattermin im Frühjahr sorgfältig zu wählen. Moderne Züchtungen weisen zwar eine verbesserte Schossresistenz auf, dennoch bleibt das Temperaturmanagement in der frühen Entwicklungsphase ein kritischer Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg.
Die Pfahlwurzel der Wurzelzichorie kann Längen von über 30 cm erreichen und reichert während der herbstlichen Reifephase hohe Konzentrationen des Polysaccharids Inulin an. Dieses dient in der Lebensmittelindustrie als wertvoller Ballaststoff und funktioneller Zusatzstoff. Die pflanzenbauliche Führung konzentriert sich daher ganz auf die Maximierung des Rübenertrags bei gleichzeitig hohem Inulingehalt und optimaler Verarbeitbarkeit in den Fabriken.
Bodenmanagement
Wurzelzichorien benötigen tiefgründige, gut durchlüftete und steinfreie Böden mit einer gleichmäßigen Wasserversorgung, vorzugsweise sandige Lehme oder Lössböden. Eine sorgfältige Bodenbearbeitung im Herbst ist unerlässlich, um Verdichtungen in der Unterkrume zu vermeiden, da diese zu krummen oder beinigen Rüben führen. Das Saatbett im Frühjahr muss feinkrümelig und rückverfestigt sein, um einen gleichmäßigen Feldaufgang der feinen Samen zu gewährleisten. Die Kultur reagiert empfindlich auf saure Böden; ein pH-Wert im neutralen Bereich von 6,2 bis 7,5 sollte durch gezielte Kalkung abgesichert werden. Eine moderate Stickstoffdüngung von ca. 80–110 kg N/ha ist ratsam, da ein Überangebot an Stickstoff das Blattwachstum auf Kosten des Rübenertrags und des Inulingehalts fördert.
Schaderreger-Management
Der Pflanzenschutz bei der Wurzelzichorie konzentriert sich stark auf die Unkrautregulierung in der langsamen Jugendentwicklung. Da nur wenige selektive Herbizide zugelassen sind, ist eine Kombination aus mechanischen Maßnahmen und chemischen Pflanzenschutzmitteln im Nachauflauf Standard. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Bekämpfung ausdauernder Schadgräser wie der Gemeinen Quecke (*Elymus repens*), die die Kultur rasch überwachsen können. Zu den bedeutendsten pilzlichen Schaderregern gehören der Echte Mehltau (*Erysiphe cichoracearum*) und die Sklerotinia-Rotfäule (*Sclerotinia sclerotiorum*), welche die Rübenqualität im Spätsommer und während der Lagerung gefährden. Ein konsequenter Fruchtwechsel von mindestens 4 bis 5 Jahren zu Nicht-Wirtspflanzen ist die wirksamste vorbeugende Maßnahme gegen bodenbürtige Schaderreger.
Sorten
Orchies
mittelspätSehr hoher Rübenertrag bei stabilem Inulingehalt.
Resistent gegen: Schossen
Anfällig für: Echter Mehltau
Sehr bewährte, ertragsstarke Sorte für den Vertragsanbau mit hoher Schossresistenz.
Hera
mittelfrühHoher Inulinertrag pro Hektar.
Anfällig für: Sclerotinia-Rotfäule
Standard-Inulinsorte mit rascher Jugendentwicklung und gleichmäßigem Rübenkörper.
Kassel
mittelspätÜberdurchschnittlicher Rübenertrag.
Resistent gegen: Wurzelfäule
Anfällig für: Echter Mehltau
Robuste Sorte mit guter Eignung für schwerere Böden.
Maestro
spätSehr hoher Zucker- und Inulingehalt im Spätherbst.
Resistent gegen: Schossen
Anfällig für: Rost
Spätreifende Sorte mit exzellenter Lagerfähigkeit und hoher Rübenfestigkeit.
Wichtige Schaderreger
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Warum ist die Schossresistenz bei Wurzelzichorien so entscheidend für den Anbauerfolg?
Wenn Wurzelzichorien bereits im ersten Jahr schossen (blühen), verholzt die Rübe stark. Dadurch sinkt nicht nur der Inulingehalt drastisch, sondern die Rüben lassen sich in den Verarbeitungsanlagen kaum noch schneiden. Die Sortenwahl sollte daher immer auf schossresistente Züchtungen fallen, besonders bei frühen Aussaatterminen ab Mitte April.
Wie lässt sich das Risiko von Sclerotinia-Rotfäule im Zichorienanbau minimieren?
Da der Pilz ein sehr breites Wirtsspektrum hat, ist eine weite Fruchtfolge von mindestens 4 bis 5 Jahren zu anderen anfälligen Kulturen wie Raps, Sonnenblumen oder Leguminosen zwingend erforderlich. Zudem sollten staunasse Standorte gemieden und auf eine harmonische Stickstoffdüngung geachtet werden, um das Gewebe nicht zu mastig und anfällig werden zu lassen.
Welche Rolle spielt das BBCH-Stadium 10 bis 19 für die Unkrautbekämpfung?
In der Phase der Blattentwicklung (BBCH 10–19) wächst die Wurzelzichorie sehr langsam und ist extrem konkurrenzschwach gegenüber Unkräutern. Da chemische Pflanzenschutzmittel in dieser Phase auch die Kultur belasten können, müssen Herbizidanwendungen präzise gesplittet und idealerweise mit mechanischem Hacken kombiniert werden, sobald die Reihen sauber erkennbar sind.
Wie beeinflusst die Erntezeit im Spätherbst den Inulingehalt der Rüben?
Der Inulingehalt erreicht meist im Laufe des Oktobers sein Maximum. Bei sehr späten Ernten im November und nach ersten Frostereignissen beginnt die Pflanze, das langkettige Inulin in kurzkettige Fructosemoleküle abzubauen (Depolymerisation). Dies mindert die industrielle Qualität, weshalb die Erntefenster eng mit den Abnahmeverträgen der Fabriken abgestimmt werden müssen.
Wie finde ich im Agronomie-Hub zugelassene Pflanzenschutzmittel gegen die Gemeine Quecke (Elymus repens)?
Nutzen Sie die Suchfunktion im Hub und filtern Sie nach der Kultur "Wurzelzichorie" sowie dem Schaderreger "Gemeine Quecke" (oder dem EPPO-Code `AGRRE`). Achten Sie bei den angezeigten Graminiziden besonders auf die zugelassenen BBCH-Stadien der Kultur und die einzuhaltende Wartezeit vor der Ernte.
Welche Anforderungen stellt die Wurzelzichorie an die Kaliumversorgung?
Als Knollen- und Wurzelorgan hat die Zichorie einen hohen Kaliumbedarf von ca. 150–200 kg K2O/ha. Kalium ist essenziell für den Zuckertransport und die Inulinsynthese in der Pflanze. Eine ausreichende Versorgung verbessert zudem die Trockenheitstoleranz und die Gewebefestigkeit der Rüben vor der Ernte.