Einbindiger Traubenwickler
Der Einbindige Traubenwickler (Eupoecilia ambiguella, EPPO-Code: CLYSAM) gehört zu den wirtschaftlich bedeutendsten Schaderregern im europäischen Weinbau. Als Kleinschmetterling aus der Familie der Wickler (Tortricidae) befällt er primär die Weinrebe (Vitis vinifera), wobei die Larvenfraßschäden direkt die Ertragsmenge und die Traubenqualität mindern.
Die Schadwirkung unterscheidet sich je nach Generation: Die Larven der ersten Generation (Heuwurm) schädigen die Gescheine vor der Blüte, während die Larven der zweiten Generation (Sauerwurm) die heranreifenden Beeren im Spommer befallen. Letzteres öffnet zudem Eintrittspforten für Sekundärinfektionen durch den Pilz Botrytis cinerea (Grauschimmel), was oft zu massiven Fäulnisproblemen führt.
In kühleren und feuchteren Weinbauregionen Mitteleuropas tritt Eupoecilia ambiguella traditionell stärker in Erscheinung als der wärmeliebende Bekreuzte Traubenwickler (Lobesia botrana), obwohl sich deren Verbreitungsgebiete durch klimatische Veränderungen zunehmend überschneiden.
Biologie / Lebenszyklus
Der Schaderreger überwintert als Puppe in einem Kokon unter der Rinde des Rebholzes oder an Pfählen. Im Frühjahr (meist ab April/Mai) schlüpfen die Falter der ersten Generation, deren Flugaktivität stark von der Abendtemperatur abhängt. Nach der Paarung legen die Weibchen ihre Eier einzeln an den Knospen und Gescheinen ab. Die daraus schlüpfenden Larven (Heuwürmer) fressen an den Blütenknospen und spinnen diese zusammen. Nach der Verpuppung schlüpfen im Hochsommer (Juli/August) die Falter der zweiten Generation, deren Larven (Sauerwürmer) sich in die grünen und reifenden Beeren einbohren, um sich dort zu ernähren, bevor sie sich im Herbst zur Überwinterung zurückziehen.
Bonitur
Die Überwachung basiert auf einer Kombination aus Pheromonfallen zur Flugüberwachung und visuellen Kontrollen im Weinberg. Der Fallenaushang erfolgt vor dem erwarteten Flugbeginn ab BBCH 10–12. Zur Ermittlung der Schadensschwelle wird im BBCH-Stadium 53–57 (Gescheinsentwicklung) ein Kontrollgang durchgeführt; die Bekämpfungsrichtwerte liegen beim Heuwurm bei etwa 20–30 Larven oder Gespinsten pro 100 Gescheine. Für die zweite Generation (Sauerwurm) liegt die Schadschwelle im BBCH-Stadium 73–75 (Beerenentwicklung) deutlich niedriger bei etwa 5–10 Eiern oder frisch eingebohrten Larven pro 100 Gescheine/Trauben, da hier das Risiko von Botrytis-Sekundärinfektionen extrem hoch ist.
Symptome
Im Frühjahr zeigen sich an den Gescheinen (BBCH 53–59) typische Gespinste, in denen Blütenknospen zusammengeheftet und von den Heuwurmlarven ausgefressen sind. Im Sommer (ab BBCH 75) sind an den Beeren kleine Einbohrlöcher der Sauerwurmlarven erkennbar, die oft von feinen Kotkrümeln umgeben sind. Befallene Beeren verfärben sich vorzeitig rötlich-braun, schrumpfen und vertrocknen oder beginnen bei feuchter Witterung rasch zu faulen, wobei sich die Fäulnis schnell auf benachbarte Beeren in der Traube ausbreitet.
Integriertes Management
Die integrierte Bekämpfung setzt stark auf biotechnische Verfahren, insbesondere die Verwirrungsmethode mittels großflächig ausgehängter Pheromondispenser, die den Paarungsflug der Falter effektiv unterbindet. Biologische Maßnahmen umfassen die Schonung natürlicher Feinde wie Schlupfwespen und den gezielten Einsatz von Präparaten auf Basis von *Bacillus thuringiensis* gegen junge Larvenstadien. Wenn chemische Pflanzenschutzmittel erforderlich sind, müssen diese exakt auf den Hauptschlüpftermin der Larven abgestimmt werden. Um Resistenzen vorzubeugen, ist ein konsequenter Wirkstoffwechsel gemäß den IRAC-Richtlinien einzuhalten, wobei insbesondere zwischen physiologischen Insektiziden (z. B. Häutungsbeschleunigern) und neurotoxischen Wirkstoffen abgewechselt werden sollte.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie unterscheidet sich der Einbindige Traubenwickler optisch vom Bekreuzten Traubenwickler?
Der Falter von *Eupoecilia ambiguella* besitzt eine charakteristische, gelbliche Grundfärbung der Vorderflügel mit einer breiten, dunklen Querbinde in der Mitte. Im Gegensatz dazu zeigt der Bekreuzte Traubenwickler (*Lobesia botrana*) ein bunt marmoriertes Muster ohne diese markante Querbinde. Auch die Larven unterscheiden sich: Die des Einbindigen sind meist rötlich-braun bis schmutzig-grün mit dunkler Kopfkapsel, während *Lobesia*-Larven eher hellgrün bis gelblich-grün und sehr beweglich sind.
Warum ist die Verwirrungsmethode bei geringem Befallsdruck besonders erfolgreich?
Die Verwirrungsmethode basiert auf der Sättigung der Luft mit synthetischem Sexualpheromon, sodass die Männchen die Weibchen nicht lokalisieren können. Bei sehr hohem Befallsdruck oder kleinen, isolierten Parzellen steigt jedoch die Wahrscheinlichkeit von Zufallspaarungen oder dem Zuflug bereits begatteter Weibchen aus unbehandelten Nachbarflächen. Daher ist diese biotechnische Methode ideal für großflächige, geschlossene Anbaugebiete bei moderatem Ausgangsbefall.
Welchen Einfluss hat das Wetter auf den optimalen Behandlungszeitpunkt mit Bacillus thuringiensis?
Präparate auf Basis von *Bacillus thuringiensis* (Bt) wirken als Fraßgifte und müssen von den Larven aktiv aufgenommen werden. Da UV-Strahlung die Bt-Sporen rasch abbaut, sollte die Anwendung in den späten Nachmittagsstunden oder bei bedecktem Himmel erfolgen. Zudem ist eine warme Witterung vorteilhaft, da die Larven dann aktiver fressen und somit schneller eine letale Dosis des Endotoxins aufnehmen.
Wie finde ich im Agronomy-Portal zugelassene Pflanzenschutzmittel gegen diesen Schaderreger?
Nutzen Sie die Suchfunktion im Hub und filtern Sie nach der Kultur 'Weinrebe' und dem Schaderreger 'Einbindiger Traubenwickler' oder dem EPPO-Code 'CLYSAM'. Das System listet Ihnen alle aktuell für diese Anwendung registrierten Pflanzenschutzmittel inklusive der zugelassenen Aufwandmengen, maximalen Anwendungen und einzuhaltenden Wartezeiten auf.
Warum ist die Bekämpfung der ersten Generation (Heuwurm) oft weniger kritisch als die der zweiten (Sauerwurm)?
Die Rebe besitzt ein hohes Kompensationsvermögen für Blütenverluste in der Gescheinsphase; mäßiger Fraß des Heuwurms führt selten zu direkten Ertragseinbußen. Der Sauerwurm hingegen schädigt die reifenden Beeren direkt. Die verletzte Beerenhaut dient als Eintrittspforte für Essigfäulebakterien und *Botrytis cinerea*, was zu einer schnellen Fäulnisübertragung in der gesamten Traube führt und die Weinqualität massiv beeinträchtigt.
Welche Rolle spielen Temperatursummenmodelle bei der Terminierung von Behandlungen?
Da die Entwicklung von Ei und Larve stark temperaturabhängig ist, helfen Gradtag-Modelle (GDD), den optimalen Spritztermin exakt vorherzusagen. Insbesondere bei ovizid oder larvizid wirkenden Pflanzenschutzmitteln muss die Anwendung genau im Fenster des Hauptschlüpftermins liegen, was durch die Kombination aus Pheromonfallen-Fängen und Temperatursummen präzise berechnet werden kann.