Grünkohl
Grünkohl (Brassica oleracea var. sabellica, EPPO-Code: BRSOC), im süddeutschen und Schweizer Raum auch als Federkohl bekannt, ist eine ernährungsphysiologisch wertvolle, zweijährige Kultur aus der Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae). Im professionellen Anbau in Mitteleuropa wird sie als einjährige Gemüsekultur kultiviert. Die Kultur zeichnet sich durch eine hervorragende Frosthärte aus, wobei späte Fröste im Winter traditionell zur Qualitätsverbesserung beitragen, indem sie den Abbau von Stärke zu Zucker fördern und bittere Geschmackskomponenten reduzieren.
Der Anbau erfolgt primär für den Frischmarkt sowie für die industrielle Verarbeitung (Tiefkühlkost, Konserven). Grünkohl stellt hohe Ansprüche an die Stickstoffversorgung und Wasserverfügbarkeit, weshalb tiefgründige, humose Böden mit guter Wasserhaltefähigkeit bevorzugt werden. Durch die lange Standzeit im Feld erstreckt sich die Kulturführung oft über die gesamte zweite Jahreshälfte, was spezifische Anforderungen an das integrierte Pflanzenschutzmanagement und die Unkrautregulierung stellt.
Bodenmanagement
Grünkohl benötigt für ein optimales Wachstum tiefgründige, mittelschwere bis schwere Böden mit einer stabilen Struktur und hoher Humusversorgung. Aufgrund des hohen Nährstoffbedarfs, insbesondere an Stickstoff (Sollwert ca. 200–250 kg N/ha inklusive Nmin), ist eine ausgewogene organisch-mineralische Düngung im Vorfeld der Pflanzung ratsam. Eine Kalkung zur Stabilisierung des pH-Werts im neutralen bis schwach alkalischen Bereich (über 6,5) ist zwingend erforderlich, um dem Risiko einer Infektion mit Kohlhernie effektiv entgegenzuwirken. Die Bodenbearbeitung sollte eine tiefe Durchwurzelung ermöglichen, während während der Kulturzeit flaches Hacken zur Unkrautregulierung und zur Brechung von Bodenkrusten beiträgt. Eine gleichmäßige Wasserversorgung, insbesondere in der Hauptwachstumsphase ab August, sichert die Ertragsleistung und verhindert vorzeitige Verholzungen der Stängel.
Schaderreger-Management
Das Pflanzenschutzmanagement bei Grünkohl erfordert eine kontinuierliche Überwachung ab der Pflanzung, da die Kultur von einer Vielzahl von Schaderregern bedroht wird. Zu den bedeutendsten pilzlichen Schaderregern gehören Alternaria brassicae (Raps- und Kohlschwärze) sowie Neopseudocercosporella brassicae (Weißfleckigkeit), gegen die bei feucht-warmer Witterung gezielte Fungizid-Anwendungen eingeplant werden müssen. Unter den tierischen Schädlingen verursachen die Kohlmotte, die Mehlige Kohlblattlaus und die Weiße Fliege oft erhebliche Schäden, weshalb der Einsatz von Insektiziden oder der Schutz durch Kulturschutznetze essenziell ist. Ein konsequenter Fruchtwechsel von mindestens vier Jahren zu anderen Kreuzblütlern ist die wichtigste präventive Maßnahme gegen bodenbürtige Schaderreger wie Kohlhernie. Zudem ist auf eine sorgfältige Unkrautbekämpfung, insbesondere gegen Poa annua und andere konkurrenzstarke Unkräuter im frühen BBCH-Stadium, zu achten, um den Ertrag nicht zu gefährden.
Sorten
Winterbor
Spät (winterhart)Sehr hoch und ertragssicher auch bei starkem Frost.
Resistent gegen: Frost, Blattfall
Anfällig für: Kohlhernie, Weiße Fliege
Sehr ertragreiche, frostharte Standardsorte für den Winteranbau. Dunkelgrünes, stark gekraustes Blatt.
Redbor
MittelspätMittelhoher bis hoher Ertrag mit hohem Marktwarenanteil.
Resistent gegen: Frost
Anfällig für: Kohlhernie, Mehlige Kohlblattlaus
Dekorative, rot-violette Sorte, deren Färbung sich nach den ersten Frösten intensiviert. Sehr gute Frosthärte.
Halbhoher Grüner Krauser
Mittelfrüh bis spätKonstant gute Erträge im herbstlichen Anbau.
Resistent gegen: Frost
Anfällig für: Kohlhernie, Alternaria-Blattflecken
Traditionelle, bewährte samenfeste Sorte mit feingekräuselten, mittelschweren Blättern. Sehr beliebt im Erwerbsanbau.
Lerchenzungen
SpätMäßiger bis mittlerer Ertrag, dafür exzellente Qualität für den Premium-Frischmarkt.
Resistent gegen: Frost, Kahlfrost
Anfällig für: Kohlhernie, Echter Mehltau
Traditionelle norddeutsche Landsorte mit schmalen, stark gekrausten, graugrünen Blättern. Hervorragender Geschmack.
Wichtige Schaderreger
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie lässt sich das Risiko von Rückständen beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im späten Grünkohlanbau minimieren?
Da Grünkohl über einen sehr langen Zeitraum im Herbst und Winter geerntet wird, müssen die Wartezeiten (PHI) der eingesetzten Pflanzenschutzmittel strikt beachtet werden. Agronomen empfehlen, systemische Fungizide und Insektizide primär in den frühen BBCH-Stadien (bis BBCH 39) einzusetzen. Für spätere Korrekturbehandlungen gegen Schaderreger wie die Weiße Fliege sollten ausschließlich Mittel mit kurzen Wartezeiten oder biologische Präparate (z. B. auf Basis von Kaliumsalzen oder Pyrethrinen) gewählt werden.
Welche Rolle spielt das BBCH-Stadium bei der Bekämpfung der Kohlschwärze (Alternaria brassicae)?
Infektionen mit Alternaria brassicae treten besonders ab BBCH 41 (Beginn der Entwicklung der erntebaren Pflanzenteile) bei feucht-warmer Witterung auf. Eine Überwachung der Bestände sollte daher ab Mitte August intensiviert werden. Erste Fungizid-Anwendungen sind beim Erkennen erster Symptome auf den älteren Blättern ratsam, um eine Ausbreitung auf die jüngeren, vermarktungsrelevanten Blätter zu verhindern.
Wie kann die Weiße Fliege (Aleyrodes proletella) im professionellen Grünkohlanbau effektiv kontrolliert werden?
Die Kohlmottenschildlaus (Weiße Fliege) ist aufgrund ihrer Wachsschicht schwer zu bekämpfen. Ein integrierter Ansatz kombiniert den frühen Einsatz von Kulturschutznetzen (Maschenweite < 1,35 mm) direkt nach der Pflanzung mit gezielten Nützlingsförderungen (z. B. Schlupfwespen). Chemische Anwendungen sollten früh am Morgen bei hoher Luftfeuchtigkeit erfolgen, wenn die Schädlinge träge sind, und stets mit ausreichend Wasseraufwandmenge (mindestens 400–600 l/ha) und Netzmitteln durchgeführt werden.
Warum ist die Fruchtfolge bei Grünkohl im Hinblick auf bodenbürtige Schaderreger so restriktiv?
Grünkohl ist hochgradig anfällig für den Erreger der Kohlhernie (Plasmodiophora brassicae). Da die Dauersporen dieses Erregers über 10 Jahre im Boden überleben können, ist eine Anbaupause von mindestens 4, besser 5 bis 6 Jahren zu allen anderen Kreuzblütlern (wie Raps, Senf oder anderen Kohlarten) zwingend einzuhalten. Zudem müssen Wirtsunkräuter wie Hirtentäschelkraut oder Ackerhellerkraut konsequent reguliert werden.
Wie wirkt sich Frost physiologisch auf die Qualität und den Erntezeitpunkt von Grünkohl aus?
Frost stoppt die Photosynthese der Kultur nicht vollständig, verlangsamt aber den Stoffwechsel. Gleichzeitig arbeitet das Enzym Amylase weiter und spaltet die vorhandene Stärke in Glucose und Fructose. Da bei niedrigen Temperaturen die Atmung der Kultur stark verlangsamt ist, wird dieser Zucker nicht wieder abgebaut. Dies führt zu dem typisch süßlichen, milden Geschmack und mindert die Bitterstoffe, weshalb der Erntebeginn für den Frischmarkt traditionell nach den ersten Nachtfrösten liegt.
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