Bekreuzter Traubenwickler
Der Bekreuzte Traubenwickler (Lobesia botrana, EPPO-Code: `POLYBO`) gehört zur Familie der Wickler (Tortricidae) und gilt als einer der wirtschaftlich bedeutendsten Schaderreger im europäischen Weinbau. Seine Larven schädigen direkt die Gescheine und Beeren der Weinrebe (Vitis vinifera), was nicht nur zu direkten Ertragsverlusten führt, sondern auch Eintrittspforten für Sekundärinfektionen wie Grauschimmel (Botrytis cinerea) öffnet.
Ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet, hat sich der Schädling durch klimatische Veränderungen und den globalen Handel weit nach Norden und in andere Weinbauregionen weltweit ausgebreitet. In den wärmeren Weinbauregionen Mitteleuropas ist er fest etabliert und erfordert ein konsequentes, jährliches Management, um massive Qualitätsminderungen des Leseguts zu verhindern.
Biologie / Lebenszyklus
Der Schaderreger überwintert als Puppe in einem dichten Gespinst unter der Borke des Rebstammes oder in Pfahlritzen. Im Frühjahr (meist ab BBCH 09 bis 15) schlüpfen die Falter der ersten Generation, deren Weibchen nach der Paarung Eier an den Knospen und Gescheinen ablegen; die daraus schlüpfenden Larven werden als „Heuwurm“ bezeichnet. Nach der Verpuppung schlüpft im Sommer die zweite Generation, deren Larven („Sauerwurm“) die grünen Beeren anbohren. In warmen Jahren oder südlichen Lagen kann sich eine dritte Generation („Süßwurm“) entwickeln, die ab BBCH 79 bis 85 die reifenden Beeren befällt und verheerende Fäulnisprozesse initiiert.
Bonitur
Die Überwachung basiert auf einer Kombination aus Pheromonfallen zur Flugüberwachung und visuellen Kontrollen im Weinberg. Der Fallenaushang erfolgt vor dem erwarteten Erstflug im Frühjahr (ca. BBCH 10). Zur Ermittlung der Schadensschwelle führst du visuelle Kontrollen durch: Für die erste Generation (Heuwurm) liegt die Bekämpfungsschwelle meist bei 20 bis 30 Larven oder Gespinsten pro 100 Gescheine (BBCH 53–57). Für die zweite Generation (Sauerwurm, BBCH 71–75) ist die Schwelle mit etwa 5 bis 10 Eiern oder Junglarven pro 100 Gescheine/Trauben deutlich niedriger angesetzt, da hier das Fäulnisrisiko drastisch ansteigt.
Symptome
Im Frühjahr zeigen sich zusammengesponnene Blütenknospen und Gescheine (Heuwurmbefall), in denen kleine, agile, grünlich-braune Larven fressen. Im Sommer sind an den grünen Beeren feine Bohrlöcher erkennbar, die oft von feinen Gespinstfäden umgeben sind (Sauerwurmbefall); betroffene Beeren schrumpfen, verfärben sich braun und vertrocknen. Im Spätsommer führt der Fraß an reifenden Beeren (Süßwurmbefall) zu großflächigem Austritt von Saft und einer schnellen Ausbreitung von Botrytis-Fäulnis, erkennbar am typischen grauen Pilzrasen und Essiggeruch innerhalb der Traubenkompaktzone.
Integriertes Management
Ein integriertes Management setzt primär auf die Verwirrungsmethode (Pheromondispenser), die flächendeckend vor dem Erstflug ausgebracht wird und die Partnerfindung der Falter effektiv stört. Biologische Maßnahmen umfassen den Einsatz von Präparaten auf Basis von *Bacillus thuringiensis* oder die Förderung natürlicher Feinde wie Schlupfwespen und Raubwanzen. Chemische Pflanzenschutzmittel sollten gezielt und unter Berücksichtigung des optimalen Anwendungsfensters (meist zum Hauptschlüpfen der Larven) eingesetzt werden. Um Resistenzen vorzubeugen, musst du Wirkstoffe aus unterschiedlichen IRAC-Klassen (z. B. Spinosyne, Häutungsbeschleuniger oder Anthranilamide) im Wechsel einsetzen und die maximale Anzahl der Anwendungen pro Saison strikt einhalten.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie funktioniert die Verwirrungsmethode bei diesem Schaderreger genau und was musst du beachten?
Die Methode flutet die Luft im Weinberg mit synthetischen weiblichen Sexualpheromonen, sodass die Männchen die echten Weibchen nicht mehr finden können. Damit das funktioniert, musst du die Dispenser vor dem Erstflug der ersten Generation (meist im April) gleichmäßig aufhängen. Die Methode ist nur auf größeren, zusammenhängenden Flächen (idealerweise ab 1 bis 2 Hektar) und bei geringem bis mäßigem Befallsdruck voll wirksam; an windexponierten Hängen oder Randbereichen solltest du zusätzliche Kontrollen durchführen.
Welchen Einfluss hat das Wetter auf die Entwicklung der Generationen und deine Spritzfenster?
Die Entwicklungsgeschwindigkeit hängt stark von der Temperatursumme ab. Warme, trockene Sommer beschleunigen den Lebenszyklus, was zu einer voll ausgeprägten dritten Generation (Süßwurm) im Spätsommer führen kann. Du solltest Temperatursummenmodelle nutzen, um den optimalen Behandlungszeitpunkt zu bestimmen: Larvizide wirken am besten kurz nach dem Haupteiablage-Peak, während ovizide Pflanzenschutzmittel direkt in die Phase der Eiablage appliziert werden müssen.
Wie unterscheidest du den Befall von Lobesia botrana vom Einbindigen Traubenwickler (Eupoecilia ambiguella)?
Die Falter unterscheiden sich optisch deutlich: *Lobesia botrana* hat ein buntes, marmoriertes Flügelmuster, während *Eupoecilia ambiguella* ein dunkles Querband auf gelblichem Grund zeigt. Auch ökologisch gibt es Unterschiede: Der Einbindige Traubenwickler bevorzugt kühlere, feuchtere Lagen und bildet meist nur zwei Generationen aus, während der Bekreuzte Traubenwickler wärmeliebender ist und sich in heißen Jahren schneller vermehrt.
Warum ist die Bekämpfung der zweiten Generation (Sauerwurm) wichtiger als die der ersten?
Die erste Generation (Heuwurm) frisst an den Blütenknospen; die Rebe kann diesen Verlust durch verstärktes Wachstum der verbleibenden Beeren oft kompensieren. Die zweite Generation bohrt jedoch die bereits entwickelten Beeren an. Diese Verletzungen sind die Hauptursache für den Befall mit *Botrytis cinerea* und Essigfäule, was die Weinqualität durch Fehlgeschmäcker im Most drastisch mindert.
Wie findest du im Hub zugelassene Pflanzenschutzmittel gegen diesen Schaderreger?
Nutze die Such- und Filterfunktion in unserem Hub, indem du nach dem EPPO-Code „POLYBO“ oder dem Wirkungsbereich „Weinbau“ filterst. Achte darauf, die Zulassungssituation für dein spezifisches Land zu prüfen und filtere nach Wirkstoffklassen (IRAC), um eine gezielte Antiresistenzstrategie für deine Spritzfolge zu planen.
Kannst du biologische Präparate wie Bacillus thuringiensis (Bt) mit chemischen Behandlungen kombinieren?
Ja, eine Kombination ist im Rahmen des integrierten Pflanzenschutzes sehr sinnvoll. Bt-Präparate wirken als Fraßgift und müssen von den jungen Larven aufgenommen werden. Du solltest sie daher bei warmen Temperaturen (über 15 °C, wenn die Larven aktiv fressen) und idealerweise in den Abendstunden spritzen, da der Wirkstoff UV-empfindlich ist. Sie eignen sich hervorragend, um chemische Wirkstoffe in deiner Spritzfolge zu ersetzen und so Rückstände vor der Ernte zu minimieren.