Welsches Weidelgras
Lolium multiflorum (EPPO-Code: LOLMU), im deutschen Sprachraum meist als Welsches Weidelgras oder Italien-Raygras bezeichnet, ist eines der wirtschaftlich bedeutendsten und konkurrenzstärksten Ungräser im europäischen Ackerbau. Ursprünglich als wertvolle Futterpflanze für den Feldfutterbau gezüchtet, hat sich diese Art zu einem hochinvasiven und schwer bekämpfbaren Schaderreger in verschiedenen Kulturen entwickelt. Besonders betroffen ist der Wintergetreideanbau, insbesondere Winterweizen (Triticum aestivum), Wintergerste (Hordeum vulgare) und Triticale.
Die enorme Konkurrenzkraft des Weidelgrases resultiert aus seinem extrem raschen Jugendwachstum, der ausgeprägten Bestockungsfähigkeit und einem hochgradig effizienten Aneignungsvermögen für Stickstoff und Wasser. Bereits ein geringer Besatz von 5 bis 10 Pflanzen pro Quadratmeter kann erhebliche Ertragseinbußen verursachen. Zudem neigt die Art stark zur Ausbildung von Herbizidresistenzen, was die chemische Regulierung in der Praxis vor immense Herausforderungen stellt.
Neben direkten Ertragsverlusten führt ein starker Besatz mit Welschen Weidelgras zu massiven Ernteerschwerungen, einer Erhöhung der Kornfeuchte im Erntegut und erheblichen Reinigungskosten. Der Schaderreger profitiert besonders von engen Getreidefruchtfolgen, frühen Saatterminen im Herbst und dem Trend zu reduzierter, pflugloser Bodenbearbeitung auf nährstoffreichen, gut mit Wasser versorgten Standorten.
Biologie / Lebenszyklus
Welsches Weidelgras verhält sich meist als winterannuelle, seltener als einjährige Pflanze. Die Hauptkeimwelle erfolgt im Spätsommer und Herbst bei kühlen, feuchten Bedingungen, wobei auch im zeitigen Frühjahr eine schwächere zweite Keimwelle auflaufen kann. Nach dem Auflaufen entwickelt sich rasch eine kräftige Rosette, die im BBCH-Stadium 13 bis 29 überwintert und auch starke Fröste problemlos übersteht. Ab April des Folgejahres setzt das schnelle Schossen ein, gefolgt von der Blüte im Mai und Juni. Eine einzelne Pflanze kann unter günstigen Bedingungen bis zu 10.000 extrem keimfähige Samen produzieren, die noch vor oder während der Getreideernte ausfallen und den Samenvorrat im Boden für die Folgekulturen anreichern.
Bonitur
Das Monitoring beginnt unmittelbar nach dem Auflaufen der Kultur im Herbst (BBCH 10–13), um frühe Keimwellen des Ungrases rechtzeitig zu erfassen. Eine entscheidende Feldkontrolle erfolgt im zeitigen Frühjahr bei Vegetationsbeginn (BBCH 21–25 der Hauptkultur), da zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung über notwendige Korrekturbehandlungen getroffen werden muss. Die wirtschaftliche Schadensschwelle in Wintergetreide liegt bei etwa 5–10 Pflanzen pro Quadratmeter. Bei der Bonitur ist besonders auf verdächtige Nesterbildung an Vorgewenden, Feldrändern oder in Senken zu achten, um beginnende Herbizidresistenzen frühzeitig durch gezielte Probenahmen und Resistenztests zu identifizieren.
Integriertes Management
Ein erfolgreiches Management von Lolium multiflorum basiert auf einem konsequent integrierten Ansatz. Ackerbauliche Maßnahmen bilden das Fundament: Hierzu zählen eine weite Fruchtfolge mit einem ausgewogenen Verhältnis von Sommer- und Winterungen, die Durchführung einer Scheinsaat im Spätsommer zur Provokation von Keimwellen sowie eine gezielte Wendepflug-Bodenbearbeitung zur Reduzierung des Samenvorrats. Beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist ein striktes Resistenzmanagement nach den HRAC-Vorgaben zwingend erforderlich. Um der Selektion von Resistenzen vorzubeugen, müssen blattaktive Nachauflaufherbizide (HRAC 1 und 2) konsequent mit bodenwirksamen Herbiziden (z. B. HRAC 15, 12 oder 3) im Vorauflauf oder frühen Nachauflauf kombiniert oder im jährlichen Wechsel angewendet werden. Zudem sollte die mechanische Unkrautbekämpfung (z. B. Striegeln oder Hacken in weitreihengesäten Kulturen) in das Gesamtkonzept integriert werden.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie lässt sich Welsches Weidelgras im frühen BBCH-Stadium sicher von Ackerfuchsschwanz unterscheiden?
Achten Sie auf die morphologischen Details der jungen Blätter: Welsches Weidelgras (Lolium multiflorum) besitzt im Gegensatz zu Ackerfuchsschwanz auffallend glänzende, fast speckige Blattunterseiten. Die Blattscheidenbasis ist häufig rötlich bis violett gefärbt, und es sind deutlich ausgeprägte, den Stängel umgreifende Blattöhrchen vorhanden. Zudem ist das jüngste Blatt im Trieb gerollt (Knospenlage gerollt), während es beim Deutschen Weidelgras gefaltet ist.
Warum zeigen Blattherbizide im Frühjahr oft eine unzureichende Wirkung gegen Lolium multiflorum?
In vielen europäischen Ackerbauregionen haben sich beim Welschen Weidelgras Resistenzen gegen ACCase-Hemmer (HRAC 1 / ehemals Klasse A, z. B. 'Fops' und 'Dens') sowie gegen ALS-Hemmer (HRAC 2 / ehemals Klasse B, z. B. Sulfonylharnstoffe) etabliert. Wenn diese Wirkstoffklassen über Jahre hinweg ohne Wirkstoffwechsel eingesetzt wurden, führt dies zu einer Selektion resistenter Biotypen, die im Frühjahr nicht mehr kontrolliert werden können.
Welchen Einfluss hat die Bodenbearbeitung auf den Samenvorrat im Boden?
Die Samen von Lolium multiflorum sind Lichtkeimer und besitzen im Vergleich zu anderen Unkräutern eine relativ kurze Lebensdauer im Boden (ca. 3 bis 4 Jahre). Ein gezielter Einsatz des Pflugs (Wendepflug) vergräbt die Samen in tiefere Bodenschichten, wo sie größtenteils absterben. Eine dauerhaft flache, konservierende Bodenbearbeitung hingegen fördert die Anreicherung der Samen in der obersten Bodenschicht und erhöht den Unkrautdruck in den Folgejahren massiv.
Wie finde ich im agronomy.farmable.tech Hub die passenden zugelassenen Pflanzenschutzmittel gegen dieses Ungras?
Nutzen Sie die Suchfunktion im Hub und filtern Sie gezielt nach dem EPPO-Code 'LOLMU' oder dem deutschen Namen 'Welsches Weidelgras'. Das System zeigt Ihnen alle für Ihre spezifische Kultur zugelassenen Pflanzenschutzmittel an, inklusive der registrierten Aufwandmengen, Anwendungsbestimmungen, Wartezeiten und der jeweiligen HRAC-Klassifizierung zur gezielten Resistenzvermeidung.
Warum ist eine Applikation von Bodenherbiziden im Vorauflauf oft wirksamer als eine reine Nachauflaufbehandlung?
Bodenherbizide (z. B. Wirkstoffe aus den HRAC-Gruppen 15/K3 oder 12/F1) wirken direkt auf den keimenden Samen und den jungen Keimling im Boden. Da gegen diese Wirkmechanismen in der Regel noch keine ausgeprägten Resistenzen vorliegen, erzielen Vorauflaufanwendungen im feuchten Herbstboden einen sehr hohen Wirkungsgrad. Späte Nachauflaufbehandlungen im Frühjahr treffen hingegen oft auf bereits bestockte, widerstandsfähige Pflanzen, die metabolisch in der Lage sind, die Wirkstoffe abzubauen.