Sclerotinia sclerotiorum
Sclerotinia sclerotiorum (EPPO-Code: SCLESC), im deutschsprachigen Raum meist als Weißstängeligkeit (insbesondere im Raps) oder Erreger der Sklerotinia-Stängelfäule bezeichnet, ist einer der wirtschaftlich bedeutendsten pilzlichen Schaderreger im weltweiten Acker- und Gemüsebau. Der Pilz besitzt einen extrem breiten Wirtskreis von über 400 zweikeimblättrigen Arten. Zu den am stärksten gefährdeten Kulturen in Mitteleuropa gehören Winterraps (Brassica napus), Sojabohnen, Sonnenblumen sowie diverse Gemüsearten wie Buschbohnen und Salat.
Die ökonomische Relevanz ist enorm, da Infektionen zu vorzeitigem Abreifen, Lagerbildung und drastischen Ertragsverlusten von bis zu 50 % führen können. Zudem mindert der Befall die Qualität des Ernteguts durch Verunreinigung mit den dauerhaften Überlebensorganen des Pilzes, den sogenannten Sklerotien. Die Bekämpfung erfordert aufgrund der Langlebigkeit dieser Dauerkörper im Boden ein hochgradig integriertes Management.
Biologie / Lebenszyklus
Der Schaderreger überdauert als Sklerotium (schwarzes Dauerorgan) im Boden, wo er bis zu zehn Jahre lebensfähig bleiben kann. Im Frühjahr keimen die Sklerotien in den oberen Bodenschichten (0–5 cm) bei ausreichender Bodenfeuchte und Temperaturen von 10–20 °C myzelisch oder bilden apothecienbildende Fruchtkörper aus. Diese Apothecien entlassen Millionen von Ascosporen windbürtig in den Bestand. Die Sporen infizieren vor allem absterbendes Gewebe wie herabgefallene Blütenblätter, die in den Blattachseln der Kulturen hängenbleiben, von wo aus das Myzel rasch in den Stängel eindringt. Am Ende der Vegetationsperiode bilden sich im Inneren oder auf der Oberfläche der infizierten Stängel neue Sklerotien, die bei der Ernte wieder in den Boden gelangen.
Bonitur
Das Monitoring konzentriert sich primär auf die kritischen phänologischen Phasen der Hauptwirte, insbesondere beim Winterraps ab dem Knospenstadium (BBCH 55) bis zur Vollblüte (BBCH 65). Da eine direkte visuelle Bonitur von Sporen im Feld nicht praktikabel ist, stützt sich die Prognose auf Wetterdaten (anhaltende Blattnässe und Temperaturen um 12–20 °C während der Blüte) sowie auf Prognosemodelle (z. B. SkleroPro). Ein bewährtes Hilfsmittel ist der Blütenblatttest im Labor oder Schnelltest-Kits vor Ort ab BBCH 59 bis BBCH 63, um den Befallsdruck durch Ascosporen auf den Blütenblättern abzuschätzen. Eine direkte Schadschwelle existiert aufgrund des epidemischen Charakters meist nicht; die Entscheidung für eine Behandlung mit einem Pflanzenschutzmittel fällt präventiv bei hohem Infektionsrisiko während der Hauptblüte (BBCH 63–65).
Symptome
Erste Symptome zeigen sich meist nach der Blüte als wassergetränkte, hellbraune bis strohgelbe Flecken an den Stängeln, oft ausgehend von den Blattachseln. Im weiteren Verlauf bleichen die betroffenen Stängelabschnitte charakteristisch kreideweiß aus ("Weißstängeligkeit"), und die Rinde lässt sich leicht faserig abziehen. Bei feucht-warmem Wetter bildet sich auf den Befallsstellen ein dichtes, schneeweißes, watteartiges Myzel. Im Inneren des hohlen Stängels sowie auf der Stängeloberfläche entwickeln sich die unregelmäßig geformten, steinkohleartigen, 2–10 mm großen schwarzen Sklerotien. Befallene Kulturen reifen vorzeitig ab (Notreife), knicken leicht um (Lager) und weisen im Inneren der Schoten bzw. Hülsen oft Kümmerkorn auf.
Integriertes Management
Die Bekämpfung von Sclerotinia sclerotiorum erfordert ein konsequentes, integriertes Pflanzenschutzkonzept. Ackerbauliche Maßnahmen umfassen weite Fruchtfolgen (mindestens 3–4 Jahre Anbaupause zu anfälligen Kulturen wie Raps, Sonnenblumen oder Leguminosen), den Anbau weniger anfälliger Sorten sowie eine harmonische Stickstoffdüngung zur Vermeidung zu dichter, feuchter Bestände. Biologische Pflanzenschutzmittel auf Basis des hyperparasitären Pilzes Coniothyrium minitans können gezielt auf die Stoppelrückstände oder den Boden appliziert werden, um die Überlebensrate der Sklerotien im Boden nachhaltig zu senken. Chemische Behandlungen mit Fungiziden müssen strikt präventiv zur Hauptblüte (BBCH 63–65) erfolgen, bevor das Myzel in den Stängel einbricht. Zur Vermeidung von Resistenzen ist ein Wirkstoffwechsel zwischen verschiedenen FRAC-Klassen (z. B. SDHI, Triazole, Strobilurine) zwingend einzuhalten.
Wirtspflanzen
Zugelassene Pflanzenschutzmittel
Häufige Fragen
Wie kann ich im Online-Portal gezielt nach zugelassenen Pflanzenschutzmitteln gegen Sclerotinia suchen?
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Warum ist der genaue Applikationstermin während der Blüte (BBCH 63–65) so entscheidend für den Behandlungserfolg?
Der Pilz kann die intakte Kutikula des Stängels nicht direkt infizieren; er benötigt absterbendes Gewebe wie abgeworfene Blütenblätter als Nährstoffbasis. Fungizide müssen daher präventiv appliziert werden, um die Blütenblätter zu benetzen, bevor diese abfallen und in den Blattachseln hängen bleiben. Sobald das Myzel den Stängel penetriert hat, ist eine kurative Behandlung wirkungslos.
Welche Rolle spielt die Bodenbearbeitung bei der Regulierung des Sklerotien-Potenzials im Boden?
Sklerotien können nur aus den obersten 2–5 cm des Bodens Apothecien bilden. Eine tiefe Wendung des Bodens (Pflug) vergräbt die Sklerotien in tiefere Schichten, wo sie nicht keimen können, verlängert jedoch deren Überlebensdauer. Bei anschließender flacher Bodenbearbeitung in den Folgejahren sollten diese Schichten nicht wieder nach oben geholt werden. Ein flaches Grubbern belässt die Sklerotien an der Oberfläche, wo sie schneller durch natürliche Gegenspieler abgebaut werden.
Wie integriere ich den biologischen Gegenspieler Coniothyrium minitans optimal in den Spritzplan?
Präparate mit Coniothyrium minitans sollten idealerweise im Herbst auf die Stoppeln der Vorfrucht oder vor der Aussaat einer anfälligen Kultur flach in den Boden eingearbeitet werden. Der nützliche Pilz benötigt Zeit (mehrere Wochen bis Monate), um die Sklerotien im Boden zu parasitieren und abzutöten. Diese biologische Maßnahme ersetzt nicht die chemische Blütenbehandlung bei akutem Infektionsdruck, senkt aber das langfristige Inokulum im Boden drastisch.
Welche FRAC-Klassen stehen für das Resistenzmanagement zur Verfügung und wie sollten sie kombiniert werden?
Für die chemische Behandlung stehen vor allem SDHI (FRAC-Gruppe 7), Triazole (FRAC-Gruppe 3) und Strobilurine (FRAC-Gruppe 11) zur Verfügung. Um einer Resistenzbildung vorzubeugen, sollten Fertigmischungen verschiedener Wirkstoffklassen verwendet oder bei aufeinanderfolgenden Anwendungen in der Fruchtfolge die Wirkstoffgruppen konsequent abgewechselt werden.